Gewählte Schülervertreter nehmen an Schulkonferenzen teil, doch ihr Einfluss ist oft begrenzt und ihr Interesse nicht selten gering. Größer ist das Engagement oft dann, wenn Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich Ideen für ein besseres Miteinander entwickeln können und erleben, dass sie etwas bewirken. Im Projekt „Schultransform“ wird dafür das Modell des Hackathons erprobt.

Partizipation und Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern, das ist das Thema eines Workshops, der kürzlich im Rahmen einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum stattgefunden hat. Ein Dutzend Lehrkräfte aus verschiedenen Schulformen haben aufgeschrieben, was aus ihrer Sicht die Schwierigkeiten und Chancen sind: Macht abgeben, gefühlter Kontrollverlust, Umgang mit Widerstand – diese Punkte werden als größte Herausforderungen genannt. Doch auch das Potenzial wird gesehen, worauf Antworten wie „mehr Zufriedenheit“ und „großartiges Gefühl“ schließen lassen. Wie sind die eigenen Erfahrungen?

„Wir haben an unserer Gesamtschule alle Strukturen für eine Mitbestimmung, angefangen von der SV, aber das Interesse der Kinder und Jugendlichen ist gering. Das System ist träge“, berichtet ein junger Lehrer, der auf der Suche nach Themen ist, um seine Klassen zu mehr Engagement zu motivieren. Eine Kollegin aus einer Grundschule ist positiver gestimmt: „Es gibt bei uns einen wöchentlichen Schülerrat, es gibt Klassenräte, die Schülerinnen und Schüler können mit eigenen Projekten Einfluss nehmen.“

Neue Rollen für Kinder und Jugendliche

Am Hannah-Arendt-Gymnasium in Barsinghausen bei Hannover führen Jugendliche der 10. und 11. Klassen einmal im Jahr eigenverantwortlich die Nachhaltigkeitstage an ihrer Schule durch. Sie planen an zwei Tagen Projekte zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen und gehen dann mit ihren Ideen in Unterstufenklassen, um mit ihnen an zwei weiteren Tagen zusammen nachhaltig zu kochen, Filme zu einzelnen Aspekten des Themas zu drehen, Stühle schön anzumalen, Insektenhotels zu bauen, die Ökologie der Gegend mit einem Förster zu erkunden, ein Theaterstück über die Lebensmittelverschwendung auszuarbeiten – einige Beispiele aus den letzten drei Jahren, seitdem es die Nachhaltigkeitstage auf Anregung einer ehemaligen Schülersprecherin gibt. Am letzten Tag der Projektwoche werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Lehrkräfte bleiben die ganze Zeit als Ansprechpartner im Hintergrund. „In diesem Jahr haben wir erstmals realistische Forderungen entwickelt, die ins Jugendparlament eingebracht werden“, sagt Nora Dedering aus der 11. Klasse. Ihre Mitstreiterin Emmi Thomas ergänzt: „Wir trauen uns durch unsere neue Rolle und die positiven Erfahrungen mehr zu. Alle freuen sich auf die Nachhaltigkeitstage.“

Gemeinsam nach Lösungen suchen

Aus Sicht von Matteo Feind, Vorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen, gibt es beim Thema Partizipation erhebliche Defizite. Gerade in Berufsschulen sei das Interesse von Schülervertretern oft gering, zum Beispiel an Gesamtkonferenzen teilzunehmen. „Wichtig ist, dass Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie etwas bewegen können und wirklich gehört werden und es sich nicht nur um eine Scheinbeteiligung handelt“, sagt Feind. Er wünscht sich für Niedersachsen eine Drittelparität wie in Nordrhein-Westfalen – dort stellen nach seinen Worten Lehrkräfte, Eltern und Schüler jeweils ein Drittel der Mitglieder des Schulvorstandes. Positiv beurteilt er den Umgang mit dem Thema Handynutzung in Niedersachsen, wo jede Schule für sich eine Entscheidung treffen soll: „Wir sind von der Ministerin nach unserer Meinung dazu gefragt worden und haben uns gegen ein generelles Verbot ausgesprochen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie man gemeinsam nach einer Lösung suchen kann.“

Welche Freiräume bieten die Schulgesetze?

Gemeinsam nach Lösungen suchen und entscheiden – das soll künftig in niedersächsischen Schulen zum Alltag gehören. Ab Sommer 2026 werden Klassenräte zur Pflicht. Einmal die Woche kommen Klassen dann zusammen und diskutieren über interne Angelegenheiten, die Lehrkraft hat nur beratende Funktion. Dabei übernehmen die Schülerinnen und Schüler wechselnde Rollen wie den Vorsitzenden, den Protokollanten sowie den Regel- und den Zeitwächter, die darauf achten, dass Vorgaben eingehalten werden. So soll das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden. „Wenn Kinder und Jugendliche von Beginn an die Erfahrung machen ‚Meine Meinung zählt!‘, dann ist das die beste Demokratiebildung“, sagt Kultusministerin Julia Willie Hamburg.

Schulhackathons

In dem vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekt „Schultransform“ haben elf Schulen von Rostock bis Stuttgart in Form eines so genannten Hackathons teilgenommen. Dabei werden Herausforderungen formuliert, vor denen die jeweilige Schule steht, um dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Am Gymnasium Herderschule in Rendsburg haben 550 Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 5 bis 10 unter Anleitung von 11. Klässlern so zwei Tage jahrgangsübergreifend in Kleingruppen gearbeitet.

Für den geplanten Umbau bzw. Teilneubau der Schule planten sie unter anderem Pausenräume, entwickelten einen Klassenraum der Zukunft und überlegten, bei welchen Projekten an ihrer Schule künftig altersgemischt gelernt werden soll. Ihre Lösungen stellten sie in Form von gebastelten Modellen, auf Plakaten, Videos oder mit Hilfe von digitalen Tools vor, um dann darüber in größeren Gruppen zu diskutieren. „Es ist ganz anders, wenn man ohne Lehrer arbeitet, ohne Druck, ohne Noten“, sagt Laeticia und Liv ergänzt: „Zwei Tage ohne Lehrer zu sein hat richtig Spaß gemacht.“ Auch das Fazit von Schulleiterin Rebecca Timmermann ist positiv: „Es ist superspannend, weil man nicht weiß, was kommt.“

Partizipation und Demokratiebildung

Insgesamt haben bislang mehr als 1200 Schulen die Plattform „Schultransform“ genutzt. Dabei können sie unter anderem Fragebögen zu den Themen „Umgang miteinander an unserer Schule“ und „Mitgestaltungsmöglichkeiten in unserer Schule“ beantworten, die ausgewertet und mit Empfehlungen versehen werden. Sie können Ausgangspunkt für einen Hackathon sein. Schultransform-Projektleiterin Jutta Schneider: „Durch einen Hackathon steigen das Bewusstsein für die Bedeutung und die Chancen von mehr Partizipation. Zu erleben, dass man selbst etwas bewirken kann, ist gut für das Gemeinschaftsgefühl und wichtig für die Demokratiebildung von jungen Menschen.“ Wobei Experten betonen: Wenn Schülerinnen und Schüler tatsächlich dauerhaft in wichtige Entscheidungen einbezogen werden, ändern sich Abläufe in der Schule – und die Lernenden sind deutlich motivierter.

Text: Joachim Göres