KI-Tools verändern, wie Schülerinnen und Schüler lernen, wie Lehrkräfte Unterricht vorbereiten und wie Wissen vermittelt wird. Damit stellt sich auch eine grundlegende Frage: Welche Rolle spielt das Schulbuch in einer Bildungswelt, in der Inhalte jederzeit digital verfügbar sind und Künstliche Intelligenz individuelle Erklärungen, Aufgaben und Rückmeldungen erzeugen kann? Für Bildungsverlage wie den Ernst Klett Verlag geht es dabei nicht um die Entscheidung zwischen gedrucktem Buch und digitaler Technologie. Es geht um die Frage, wie verlässliche Inhalte, didaktische Qualität und neue technische Möglichkeiten so verbunden werden können, dass sie Lehrkräfte entlasten und Lernprozesse wirksam unterstützen.

Im Gespräch erläutert Maximilian Schulyok, Geschäftsführer des Verlags, warum das Schulbuch auch künftig gebraucht wird, welche Lehren sich aus der internationalen Digitalisierungsdebatte ziehen lassen und wie sich Bildungsmedien durch KI verändern werden.

Herr Schulyok, brauchen wir in Zeiten von KI noch Schulbücher?

Das gedruckte Schulbuch wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Seine Stärke liegt in der verlässlichen, fachlich und didaktisch geprüften Struktur. Es gibt Orientierung, baut Wissen systematisch auf und schafft eine gemeinsame Grundlage für den Unterricht. Digitale und KI-gestützte Angebote ergänzen das dort sinnvoll, wo sie Aktualität, Individualisierung oder auch direktes Feedback ermöglichen. Entscheidend ist aber, den Umgang mit KI gut anzuleiten und zu unterstützen. Kinder und Jugendliche sollten lernen, KI bewusst, kreativ und aktiv einzusetzen sowie Chancen, Risiken und ethische Fragen kritisch zu bewerten.

Die Zukunft liegt nicht im Entweder-oder, sondern in der didaktisch sinnvollen Verbindung von Schulbuch, digitalen Angeboten und KI, um das Lernen nachweislich zu unterstützen.

Schweden hat die Digitalisierung gestoppt: Hat Schule bei der Digitalisierung zu lange nach dem Prinzip „digital ist besser“ gehandelt?

Schweden hat die Digitalisierung im Bildungswesen 2023 nicht gestoppt, sondern vor allem die frühe und teilweise verpflichtende Nutzung digitaler Geräte in Vorschulen und Grundschulen korrigiert. Tatsächlich investiert das Land seitdem stärker in gedruckte Bücher, Leseförderung und Schulbibliotheken, treibt aber ebenso den kompetenten Umgang mit KI in den Oberschulen weiter voran.

Auch für Deutschland sollte es nicht um eine Rückkehr zu ausschließlich analogen Angeboten gehen. Weder ein Schulbuch noch eine digitale Anwendung allein führen automatisch zu gutem Unterricht. Entscheidend ist die Lehrkraft, die Klasse und das Lernziel. Medien und Technologien sind Werkzeuge, deren Qualität sich daran bemisst, ob sie Verstehen, fachlichen Kompetenzerwerb, kognitive Aktivierung und soziale Interaktion fördern.

Müssen Schulbücher heute mehr leisten als Wissen zu vermitteln?

Bildungsmedien müssen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler gleichermaßen im Blick haben. Lehrkräfte arbeiten heute mit sehr heterogenen Lerngruppen, erleben viel stärker als noch vor ein paar Jahren Motivations- und Konzentrationsprobleme bei den Schülern und stehen zugleich unter hoher Arbeitsbelastung. Hinzu kommt, dass viele Schülerinnen und Schüler mit anderen Ausgangsvoraussetzungen in die Schule kommen und sich die Basiskompetenzen im Lesen, Schreiben, in Sprache und Mathematik zunehmend verschlechtern. Wir wissen, die Ursachen sind vielfältig, ebenso sind es die Lösungsansätze.

Lehr- und Lernangebote müssen heute mehr leisten, als Inhalte verlässlich abzubilden. Sie müssen Lehrkräfte dabei unterstützen, mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen umzugehen, Basiskompetenzen systematisch aufzubauen und zugleich den Überblick über den Lernstand der Klasse zu behalten. Dafür braucht es klar strukturierte Lernwege, verständliche Erklärungen, aufeinander aufbauende Übungsformate und Aufgaben auf unterschiedlichen Niveaus.

Ebenso wichtig sind diagnostische Möglichkeiten, die Förderbedarfe sichtbar machen und konkrete nächste Lernschritte aufzeigen. Analoge, digitale und KI-gestützte Bestandteile sollten dabei so zusammenspielen, dass Lehrkräfte schneller zu passenden Materialien und Rückmeldungen gelangen.

Schule steht heute vor hohen Herausforderungen. Wie können Bildungsmedien Lehrkräfte entlasten?

Unsere Angebote für Lehrkräfte haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Aus klassischen Handreichungen sind umfassende Unterstützungssysteme geworden. Sie reichen heute von didaktischen Kommentaren und zusätzlichen Arbeitsmaterialien über Inklusions- und Förderangebote bis hin zu Videos, editierbaren Kopiervorlagen, digitalen Lernplattformen und KI-gestützten Werkzeugen, die passend zu den Schülermaterialien angeboten werden.

Entscheidend ist, dass Lehrkräfte je nach Klasse, Lernziel oder Lernphase schnell ein passendes Angebot finden. Gerade angesichts von Zeitmangel und heterogenen Lerngruppen müssen Materialien unmittelbar einsetzbar sein, unterschiedliche Lernniveaus berücksichtigen und bei der Unterrichtsplanung, Differenzierung und Organisation entlasten.

Dazu gehören auch fertige Unterrichtseinheiten zu fächerübergreifenden Themen wie KI, Demokratiebildung oder Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie ermöglichen es beispielsweise Vertretungslehrkräften, ein Thema kurzfristig fachlich fundiert und didaktisch sinnvoll aufzugreifen.

KI kann zusätzlich dabei helfen, Materialien anzupassen, Übungen zu variieren oder Lernstände gezielter zu berücksichtigen. Hier haben wir in den vergangenen Jahren vor allem passgenaue KI-Chats und KI-Coaches entwickelt.

Wird aus dem Schulbuch künftig ein persönlicher Lernbegleiter?

Das Schulbuch der Zukunft wird kein einzelnes Produkt mehr sein, sondern Teil eines vernetzten Lernangebots. Das gedruckte Buch bleibt dabei ein verlässlicher, übersichtlicher und didaktisch strukturierter Anker. Ergänzt wird es durch digitale Inhalte, adaptive Übungen, diagnostische Angebote und KI-gestützte Werkzeuge.

 

Vielen Dank für das Gespräch.