In Hessen läuft aktuell an 80 weiterführenden Schulen das Fach Digitale Welt als freiwilliges Angebot in den Klassen 5 und 6. Seit 2022 sollte erprobt werden, ob das Fach künftig in der Unterstufe verpflichtendes Schulfach werden soll. Kürzlich hat das hessische Kultusministerium entschieden, dass dies nicht passieren wird. Darüber sprach Joachim Göres mit Julian Steinbeck (33), der an der Prälat-Diehl-Schule in Groß Gerau Digitale Welt unterrichtet.

Vor vier Jahren war Ihre Schule eine von damals zwölf Pilotschulen in Hessen, in denen mit dem Unterricht in Digitale Welt begonnen wurde. Wie war bzw. ist bis heute die Resonanz der Schülerinnen und Schüler darauf?

Als wir 2022 starteten, haben wir Digitale Welt als Pflichtfach für die 5. Klassen eingeführt, weil uns das Thema so wichtig erschien, dass alle daran teilnehmen sollten. Dann gab es aber Proteste von Eltern, die darauf verwiesen, dass Digitale Welt als freiwilliges Angebot konzipiert sei. Darauf haben wir das Ganze geändert. Digitale Welt wird seitdem einmal die Woche eine Doppelstunde in den 5. und 6. Klassen unterrichtet. In der Klasse 5 nehmen daran 55 von 170 Schülerinnen und Schüler teil, in der Klasse 6 sind es 20 Mädchen und Jungen.

Das Interesse scheint sich also in Grenzen zu halten. Woran liegt das?

Die Motivation bei den Schülerinnen und Schülern ist sehr groß. Um die Zahlen zu verstehen, muss man wissen, dass sich in der 5. Klasse doppelt so viele Kinder dafür bewerben wie wir aufnehmen können – für 110 Kinder fehlen sowohl die Lehrkräfte als auch die Räumlichkeiten. An unserer Schule gibt es nur einen ausgebildeten Informatiklehrer, der in den höheren Klassen unterrichtet. Ich bin Lehrer für Deutsch, Politik und Wirtschaft sowie Darstellendes Spiel und habe an einer einwöchigen Fortbildung teilgenommen, um Digitale Welt unterrichten zu können. So eine Fortbildung haben an unserer Schule noch vier weitere Kolleginnen und Kollegen besucht.

Um welche Inhalte geht es in dem Fach Digitale Welt?

Wir beschäftigen uns damit, wie ein Computer und wie das Internet aufgebaut sind, wie man programmiert, wie man mit Textprogrammen arbeitet, wie man eine Power-Point-Präsentation erstellt. Es geht auch darum zu erkennen, wann Bilder manipuliert wurden, wie Algorithmen funktionieren, wie man Suchmaschinen nutzt, nach welchen Kriterien man die Echtheit von Informationen bewertet. Weitere Themen sind Datenschutz, Urheberrecht, Cyberkriminalität und der Einsatz Künstlicher Intelligenz. Es gibt keinen Lehrplan, aber eine 50-seitige Handreichung des Kultusministeriums, an der wir uns orientieren.

Wie sind die Vorkenntnisse in der 5. Klasse?

Sehr unterschiedlich. Man kann sagen, dass es im Schnitt pro Gruppe zwei technisch sehr versierte Schüler gibt. Die Mehrheit hat keinen Computer, sondern ein Smartphone. Ein bis zwei Schüler haben weder Computer noch Smartphone. Ein Großteil der Kinder ist sehr unbedarft und sehr dankbar dafür, im Fach viele neue Dinge kennenzulernen und auszuprobieren.

Beim Start von Digitale Welt hatte das Kultusministerium in Aussicht gestellt, dass dieses Fach künftig Pflichtfach werden könnte. Dazu kommt es nun nicht. Stattdessen wurde entschieden, dass ab kommendem Schuljahr alle 600 weiterführenden Schulen in Hessen Digitale Welt als freiwilliges Angebot in ihr AG-Programm für die Klassen 5 und 6 aufnehmen können und dass es dafür auch mehr finanzielle Mittel als bisher geben wird. Dagegen regt sich Widerstand. Warum?

Ich kann verstehen, dass man so ein Pflichtfach nicht kurzfristig einführen kann, weil dafür gar nicht genügend aus- und fortgebildete Lehrkräfte bereitstehen. Ein grundlegendes Problem beim freiwilligen Angebot Digitale Welt ist aber, dass der Unterricht an fast allen Schulen als Teil des Ganztagsangebots am Nachmittag stattfindet, an unserem Gymnasium zwischen 13.30 Uhr und 15 Uhr. Zu dieser Zeit ist das nach einem vollen Vormittag unglaublich anstrengend für Schülerinnen und Schüler. Nach der 5. Klasse hören nicht wenige auf, weil sie sagen: ‚Das schaffe ich nicht mehr‘. Daran wird sich vermutlich nichts ändern, denn Digitale Welt läuft bei uns weiter nachmittags.

Sind nicht auch andere Fächer in der Verantwortung, wenn es um die Vermittlung digitaler Kompetenzen geht?

Das ist ja schon der Fall, es gibt immer wieder fächerübergreifende Medienprojekte, zum Beispiel in Deutsch oder Englisch. Doch die Hoffnung war groß, dass man bereits in der Unterstufe durch ein Pflichtfach Digitale Welt allen Kindern vertiefende Kenntnisse vermitteln und sie so sicherer und kompetenter machen kann.

Steinbeck Porträt

Steinbeck ist Autor verschiedener Klett-Teachkits für die Klassen 7-10, so etwa „Sicher im Netz vor Cybermobbing, Cybergrooming und Gaming Disoder“. Die Materialien greifen zentrale Themen der digitalen Welt auf und eignen sich besonders für Projektwochen, Projekttage und fächerverbindenden Unterricht. Damit unterstützen sie Schulen dabei, digitale Bildung auch jenseits eines eigenen Pflichtfachs praxisnah, flexibel und altersgerecht umzusetzen. Zum Thema Medienkompetenz gibt es noch bis Ende Juni eine Aktion.