Rund 150 Grundschulen bundesweit nehmen am Programm Klasse 0 teil, bei dem private Sponsoren pro Jahr und Schule 8.000 Euro für die Einstellung von Fachkräften und den Kauf von Materialien zur Verfügung stellen. Kita-Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen und Defizite haben, werden in Kleingruppen gezielt gefördert, damit sie künftig in der Grundschule mithalten können.
9.30 Uhr in der Hasselbachschule in Detmold. In der Bücherei der Grundschule sitzen Asra, Dayib, Eliam und Lee-Jay rund um einen Tisch und lauschen den Worten ihrer Lehrerin Kristina Eitner. Sie zeigt dem Mädchen und den drei Jungen ein Blatt Papier mit Zahlen und Formen und erklärt die Aufgabe: Die Kinder sollen mit Holzklötzen Türme bauen, so hoch, wie die unterschiedlichen Zahlen auf dem Papier es vorgeben – eine Vier bedeutet also, vier Klötze aufeinander zu stapeln. Nach diesem Prinzip sollen sie mehrere Türme bauen und dann vergleichen, welcher Turm am größten ist. Während ein Junge sich sofort an die Arbeit macht, muss Eitner einem anderen Jungen noch einmal ruhig erklären, worum es geht. Er zögert, versichert sich immer wieder, ob er alles richtig macht. Danach sollen sie auf ihrem Arbeitsblatt die Zahl der Klötze eintragen, die sie für jeden Turm verbaut haben.
„Alles richtig“, lobt Eitner das Mädchen. Sie gibt oft positive Rückmeldungen, damit sich die Kinder wohlfühlen. Und gleichzeitig spricht sie deutlich Dinge an, die nicht in Ordnung sind. „Das tut mir weh, lass das bitte“, sagt sie zu einem Jungen, der ihre Nähe sucht und sie dabei die ganze Zeit nervös tritt. „Frau Eitner, Frau Eitner“, wiederholt ein anderer Junge ständig, der etwas von seiner Lehrerin wissen will. „Du musst dich melden, wenn du was sagen willst“, erinnert sie ihn an die Regeln, die in der Klasse gelten. Der vierte Junge, der die Aufgabe schnell geschafft hat, kann sich derweil mit dem Dominospiel beschäftigen, das er beim letzten Mal ausgeschnitten hat. „Ich erklär dir gleich, wie das funktioniert“, sagt Eitner.
Sprache, Motorik und Sozialkompetenzen: Vorbereitung auf Klasse 1
Alle Kinder gehen noch in den Kindergarten. Weil die Sechsjährigen bei der Schuleingangsuntersuchung Defizite zeigten, besuchen sie seit März einmal die Woche von 8 Uhr bis 11.15 Uhr die extra für sie eingerichtete Eichhörnchenklasse – die so genannte Klasse 0 der Hasselbachschule, um dort besser vorbereitet nach den Sommerferien eingeschult zu werden.
Die Detmolder Grundschule ist damit eine von bundesweit rund 150 Schulen, die mit finanzieller Unterstützung einer Drogeriekette eine Klasse 0 anbietet. „Die Kinder waren anfangs sehr leise und unsicher, konnten sich nur ganz kurz konzentrieren, brauchten viele Pausen, hatten Probleme einen Stift richtig zu halten, es war ihnen schnell langweilig“, sagt Eitner, die als Honorarkraft für die Klasse 0 eingestellt wurde und zwei Gruppen mit jeweils sechs Vorschulkindern betreut. Sie fördert unter anderem sprachliche Fähigkeiten (z.B. in ganzen Sätzen sprechen, Vergleichswörter nutzen, Wünsche und Gefühle mitteilen, Gegenstände richtig benennen), Sozial- und Alltagskompetenzen wie die Einhaltung von Regeln und die Zusammenarbeit der Kinder, motorische Fertigkeiten sowie Selbstständigkeit und Zuverlässigkeit. „Jetzt sind fast alle soweit, dass sie sich 15 Minuten im Stück konzentrieren können“, sagt Eitner, die von ihren Fortbildungen zu Themen wie Dyskalkulie und Legasthenie profitiert.

Kristina Eitner, Lehrerin der Eichhörnchenklasse an der Hasselbachschule in Detmold.
Gute Vorbereitung auf den Schulstart
„Als feststand, dass wir bei uns eine Klasse 0 einrichten können, haben wir die Eltern angesprochen, deren Kinder dafür in Frage kommen. Bis auf eine Familie haben alle das freiwillige Angebot gerne angenommen, sie sind sehr dankbar dafür“, sagt Schulleiterin Kathrin Freitag. Nach ihren Erfahrungen haben viele Mädchen und Jungen Probleme, sich an Absprachen zu halten, auf deren Einhaltung zu Hause oft nicht geachtet wird. Die Eltern bringen die Kita-Kinder regelmäßig in die Schule und suchen dabei oft den Kontakt zu Frau Eitner. Cathrin Möbius, stellvertretende Schulleiterin, betont, wie wichtig eine gute Vorbereitung für den Schulstart ist: „An unserer Schule brauchen 10 bis 15 Prozent der Kinder drei Jahre für die ersten beiden Schuljahre. Sie erkennen sehr schnell, ob sie versagen, und solche Misserfolgserlebnisse prägen.“
„Eigentlich staatliche Aufgabe“
Eitner geht es auch darum, den Kindern zu vermitteln, wie sie sich in schwierigen Situationen verhalten. Zum Abschluss des Schultages, nachdem alle aufgeräumt haben, dürfen sich Lee-Jay, Eliam, Dayib und Asra Musiktitel aussuchen, um sich danach beim Stopp-Tanzen zu bewegen. Die Lehrerin mischt sich unter die begeistert tanzenden Kinder, rempelt einen Jungen leicht an, entschuldigt sich und fragt dann: „Was passiert, wenn dich ein Kind nicht aus Versehen, sondern mit Absicht schubst?“ Ein Junge überlegt: „Ich könnte runterfallen.“ Eitner korrigiert: „Du meinst hinfallen. Ja, das stimmt. Was sollte man dann tun?“ Als alle stumm bleiben, schiebt sie ihren rechten Arm nach vorne und sagt mit lauter Stimme: „Stopp, ich möchte das nicht!“ Erst leise, dann immer lauter, trauen sich die Kinder nacheinander, diese Aufforderung zu wiederholen.
Eitners Fazit: „Die Kinder sind selbstbewusster geworden, freuen sich auf die Schule und haben jetzt gute Chancen, dort zurechtzukommen. Das privat geförderte Programm ‚Klasse 0‘ ist dafür eine große Hilfe. Eigentlich wäre das aber eine staatliche Aufgabe.“
Immer mehr Kinder werden von der Einschulung zurückgestellt
Eine Forderung, die immer mehr Anhänger gewinnt. So plädiert in Berlin die Vereinigung der Grundschulleitungen für eine Vorschulpflicht. In Nordrhein-Westfalen gilt ab 2028: Wenn Defizite bei der Sprachstandserhebung im Rahmen der Schulanmeldung offensichtlich werden, müssen Kinder an so genannten ABC-Klassen vier Stunden die Woche im Schuljahr vor der Einschulung teilnehmen.
An der Hasselbachschule in Detmold setzt man darauf, auch nach den Sommerferien zum Kreis der geförderten Schulen zu gehören, um wieder eine Klasse 0 anbieten zu können. Grundlegende Probleme kann sie allerdings nicht lösen, wie Möbius feststellt: „Zuletzt mussten wir zwölf Kinder von der Einschulung zurückstellen, so viel wie noch nie, wegen Autismus, geistiger Behinderung oder sprachlicher Mängel. Für sie wäre auch die Klasse 0 eine Überforderung.“
Text: Joachim Göres

Viele Kinder treten mit unzureichenden Voraussetzungen in die Schullaufbahn ein, das bestätigt eine Umfrage des Ernst Klett Verlags unter Grundschullehrkräften, die schon länger einen spürbaren Rückgang zentraler Basiskompetenzen beobachten. Das Bildungsdossier Basiskompetenzen widmet sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven.
