Klett-Themendienst Nr. 107 (06/2022)

An einigen Schulen lernen junge Leute, die Texte der hebräischen Bibel zu verstehen. Die Gründe für ihr Interesse an einer heute nicht mehr gesprochenen Sprache sind ganz unterschiedlich.

„Sind Sie Millionärin?“, will ein Junge aus der 6. Klasse von Petra Kunik wissen. Eine Mitschülerin fragt die Schriftstellerin: „Zahlen Juden keine Steuern?“ Zwei Erlebnisse von ihren zahlreichen Schullesungen, die Kunik im Gedächtnis haften geblieben sind. „Es ist erschreckend, welches Bild von Juden hinter diesen Fragen steckt. Umso wichtiger ist der direkte Kontakt, damit sie sehen, dass die Realität eine andere ist“, sagt die 77-Jährige, die einst in Frankfurt/Main die liberale jüdische Gemeinde mitgegründet hat.

An diesem Vormittag ist sie in der Hebräisch-Arbeitsgemeinschaft im Kaiser-Wilhelm-und Ratsgymnasium Hannover zu Gast, um aus einem ihrer Bücher zu lesen und sich mit drei Schülerinnen und sechs Schülern aus der Mittelstufe zu unterhalten. „Wisst ihr, was das Pessach-Fest ist?“, fragt sie. Einige Jugendliche nicken. „Da wird jedes Jahr derselbe Text über die Befreiung der Kinder Israels aus der Sklaverei gelesen, in dem es um das Thema Macht geht“, erzählt Kunik und fügt hinzu: „In diesem Jahr habe ich ihn wegen des Krieges in der Ukraine ganz anders verstanden als sonst.“ Sie freut sich, wenn in ihrer Gemeinde regelmäßig aus dem Talmud gelesen und darüber gesprochen wird. „In Deutschland hat der Begriff ‚Judenschule‘ einen negativen Klang. Ich finde es dagegen positiv, wenn lebhaft diskutiert wird“, sagt Kunik. Diese Auseinandersetzung sucht sie auch im Gespräch mit Christen: „Die Verständigung ist meist einfacher, wenn Christen die biblischen Quellen im hebräischen Original lesen können.“

Die Schülerinnen und Schüler hören gespannt zu, wenn Kunik Unterschiede zwischen orthodoxen und liberalen jüdischen Gemeinden erklärt oder wenn sie darüber spricht, wie heute jüdische Festtage in den Familien gefeiert werden. „Kommen Ihre erwachsenen Kinder denn zu den Feiertagen zu Ihnen nach Hause?“, will ein Mädchen wissen. „Heute nicht mehr. Eine lebt in Berlin, die andere ist mehr karnevalistisch als religiös aktiv“, sagt Kunik und lacht. „In liberalen Gemeinden sitzen Männer und Frauen in der Synagoge zusammen, in orthodoxen Gemeinden sind sie getrennt“, berichtet ein anderes Mädchen ihrer kranken Lehrerin Isabell Meske am Telefon, was sie gerade Neues von Kunik erfahren hat.

„Wir lernen das Bibel-Hebräisch“

Meske leitet seit zwei Jahren die Hebräisch-AG. Zwei Stunden in der Woche lesen Lernende  Texte aus der hebräischen Bibel, übersetzen sie in die deutsche Sprache und diskutieren darüber. „Sie brauchen drei bis sechs Monate, bis sie lesen und schreiben können. Ich bin überrascht, wie schnell sie lernen“, sagt Meske, die an dem altsprachlichen Gymnasium auch noch Deutsch, Religion, Latein und Griechisch unterrichtet. Alt-Hebräisch sei einfacher als Griechisch und Latein, wegen des kleineren Wortschatzes. Mit der heute in Israel gesprochenen Sprache habe es allerdings wenig zu tun. „Wir lernen das Bibel-Hebräisch. Darauf kann man aber aufbauen und schnell Iwrit lernen, dessen Grammatik einfacher ist, weil es lockerer mit den Zeiten umgeht. Das moderne Hebräisch ist vom Englischen und Arabischen geprägt“, sagt Meske. Sie sieht ihren Kurs auch als Judentum-AG, in dem jüdische Feste und Gedenktage gefeiert werden und über historische und politische Themen gesprochen wird.

Von den Schüler:innen stammt niemand aus einem jüdischen Elternhaus. Was motiviert sie, eine Sprache mit fremden Schriftzeichen zu lernen, die man auch noch von rechts nach links schreibt? „Ich bin sehr an Religion interessiert. Außerdem ist es interessant, Verbindungen zu anderen Sprachen herzustellen“, sagt Joris. „Wir sind die einzige Schule in Hannover mit Alt-Hebräisch. Das ist doch eine einmalige Chance, die man nutzen muss“, meint Karl. „Hebräisch hilft einem später beim Studium“, ist Roman überzeugt. Überhaupt sei der Aufwand gar nicht so groß: „Das ist ja viel einfacher als Latein.“ Bei Freunden stoßen sie mit ihrem Interesse an Hebräisch eher auf Unverständnis. „Die finden das unnütz“, sagt Kilian. Meske betont: „In der AG sind alles sehr engagierte Schülerinnen und Schüler, von denen viele Medizin studieren wollen und für die Israel auch als Studienort interessant ist.“

Basis für ein Studium der Theologie oder Judaistik

Während in Schulen in Niedersachsen und vielen anderen Bundesländern Hebräisch als AG angeboten wird, kann man das Fach in Nordrhein-Westfalen an einigen Gymnasien als reguläres Fach wählen, zum Beispiel am Adolfinum in Moers. Dort unterrichtet Annette Sommer seit mehr als 25 Jahren Hebräisch. Wer sechs Grundkurse belegt und am Ende mindestens mit der Note „ausreichend“ abschließt, erwirbt das Hebraicum – Kenntnisse, die man beim Studium der Theologie oder der Judaistik nachweisen muss. Drei Hebräisch-Oberstufenkurse gibt es derzeit am Adolfinum. Im Kurs, der gerade Abitur gemacht hat, haben die zehn Lernenden familiäre Wurzeln in der Türkei, dem Libanon, Ghana und Deutschland, vier von ihnen sind Muslime. „Sie haben ein starkes religiöses Interesse und Bewusstsein. Einige sprechen zudem Arabisch, was ihnen das Erlernen der hebräischen Sprache erleichtert“, sagt Sommer.

Für viele Adolfinum-SchülerInnen sei die für alle Zehntklässler obligatorische Fahrt zur Gedenkstätte Auschwitz ein Grund, sich näher mit dem Judentum und Hebräisch zu beschäftigen. Für andere stehe das Erlernen einer neuen Sprache im Vordergrund. Diese Gruppe erreicht Sommer nicht mehr so leicht, nachdem am Adolfinum inzwischen auch Chinesisch Schulfach ist. Sommer ist dennoch optimistisch für die Zukunft des Hebräisch-Unterrichts: „Ich konnte meinen Kurs immer nur an einem Nachmittag im Block anbieten. Ein neuer Kollege hat in diesem Schuljahr in der 11. Stufe vormittags an zwei Tagen je zwei Stunden Hebräisch unterrichtet und das Interesse war größer denn je. Das liegt möglicherweise auch daran, dass er stärker das moderne Hebräisch vermittelt und einen Austausch mit einer israelischen Schule plant.“

Im Fach Hebräisch geht es bei Sommer um das Menschenbild aus den ersten elf Kapiteln der Genesis aus der hebräischen Bibel, die aus dem Original übersetzt und besprochen werden: „Wenn wir in dem Zusammenhang auf Inhalte wie Menschenwürde, Bewahrung der Schöpfung, den Ruhetag, Gleichstellung von Mann und Frau, Gottebenbildlichkeit, das Lebensrecht des anderen, Schuld und Umkehr, Versöhnung und Barmherzigkeit und vieles mehr zu sprechen kommen, dann ahnen die Schülerinnen und Schüler – ganz gleich ob Moslem, Christ oder Jude – dass dies auch ihre und unser aller Geschichten sind, die einen jeden von uns angehen und uns in die Verantwortung für die Welt rufen.“

Autor: Joachim Göres

Kompakt
In vielen Bundesländern wird Hebräisch vor allem an altsprachlichen Gymnasien als Arbeitsgemeinschaft angeboten, in Nordrhein-Westfalen ist es an einigen Schulen reguläres Schulfach. Der Schwerpunkt ist dabei das Althebräisch, das sich von der heute in Israel gesprochenen Sprache deutlich unterscheidet. Die Motivation der Schülerinnen ist unterschiedlich: Für einige steht das Interesse an einer fremdartigen Sprache im Vordergrund, andere beschäftigen sich stark mit Religion und Geschichte, manche sehen das Erlernen als Vorbereitung für ein geplantes Theologiestudium an.