Eine gute Handschrift ist mehr als nur ein schönes Schriftbild. Sie ist Grundlage für das Lernen, Denken und Behalten. Damit Kinder sicher schreiben lernen, brauchen Schulen nicht nur passende Materialien, sondern auch Wissen über Schreibmotorik, Körperhaltung und die richtige Schreibsituation. Das Schreibmotorik Institut liefert seit vielen Jahren praktische Impulse zur Förderung der Handschrift. Ein Gespräch mit der Leiterin Dr. Tal Hoffmann.

Warum ist Handschrift wichtig, obwohl digitale Medien immer präsenter werden?

Handschreiben bringt wichtige Vorteile mit sich, die digitale Alternativen bisher nicht ersetzen können. Beim Schreiben mit der Hand trainieren wir Fähigkeiten wie Lesen, Rechtschreibung, das Erlernen und Erinnern von Wissen – und fördern insgesamt bessere schulische Leistungen.

Beim Tippen bewegen sich beide Hände unabhängig vom Sprachzentrum im Gehirn; es entsteht keine direkte Verbindung zwischen Bewegung und Buchstabenform. Dadurch verarbeitet und speichert das Gehirn Inhalte anders. Studien zeigen: Kinder schreiben je nach Medium auch anders – handschriftlich verfasste Texte sind oft kreativer und kommunikativer. In einem Vergleich beispielsweise reichten Viertklässler, die einen Text digital auf einem Tablet verfasst hatten, deutlich mehr Verben ein, während die handschriftlich verfassten Texte stärker auf Kommunikation und kreative Themen fokussiert waren.

Hybride Modelle können die Vorteile beider Welten also verbinden. Das Ziel ist, digitale und analoge Verfahren sinnvoll miteinander zu kombinieren. Wir haben kürzlich ein Pilotprojekt zur Bewertung der Vor- und Nachteile analoger, digitaler und hybrider Tools zur Unterstützung des Schreiblernens durchgeführt  (https://www.schreibmotorik-institut.com/projekte/ ). Es zeigt sich, dass jede Tool-Gruppe ihren Mehrwert hat.

Was ist eine Ausgangsschrift und welche Rolle spielt sie?

Eine Ausgangsschrift ist ein vorgegebenes Muster für den Erwerb der Handschrift, das als Leitbild für das Schreibenlernen dient. Ziel ist jedoch eine flüssige, leserliche und individuelle Schrift. Die Ausgangsschrift ist dazu da, Kindern visuell zu zeigen, wie ein Buchstabe grundsätzlich aussehen kann. Weicht ein Kind von der Form der Ausgangsschrift ab, ist das grundsätzlich unproblematisch solange der Buchstabe lesbar bleibt.

Welche Schwierigkeiten treten beim Schreibenlernen häufig auf?

Kinder haben oft Schwierigkeiten – zum Beispiel mit dem richtigen Stifthalten (wobei viele nicht wissen, dass der Drei-Punkt-Griff nicht der einzig funktionale Griff ist), mit dem übermäßigen Druck, den sie auf den Stift ausüben, oder mit dem starken Druck, den sie beim Schreiben auf das Papier ausüben. Auch die richtige Sitzhaltung beim Schreiben fällt vielen schwer. Das ist wichtig, denn beim Schreiben schreibt der ganze Körper und nicht nur die Hand, und die Sitzhaltung muss korrekt sein, um den Prozess zu unterstützen. Zudem gibt es Buchstaben, deren Form motorisch schwieriger ist als andere, was ebenfalls zu Problemen führen kann. Weitere Herausforderungen sind das Erlernen der Buchstabenverbindungen in der Schreibschrift sowie das Einhalten des richtigen Abstands zwischen Wörtern oder Sätzen usw.

Woran erkennen Lehrkräfte Unterstützungsbedarf?

Hinweise sind etwa Schmerzen beim Schreiben, langsames Schreibtempo oder Schwierigkeiten, Texte leserlich und rechtzeitig zu beenden. In solchen Fällen kann ein gezieltes Handschrifttraining eine deutliche Verbesserung bewirken.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Ja. Studien zeigen, dass etwa jeder zweite Junge Probleme mit dem Handschreiben hat, aber nur jedes dritte Mädchen. Gründe sind u. a. eine langsamere motorische Entwicklung bei Jungen, höhere Bildschirmzeiten und geringere Motivation, eine „schöne“ Schrift zu haben. Die Ergebnisse unserer STEP-Studie stimmen da mit anderen Studien überein.

Was ist im Umgang mit Linkshändern wichtig?

Linkshänder, die etwa 10% der Bevölkerung ausmachen, haben oft mehr Schwierigkeiten als Rechtshänder und benötigen beim Handschreiben mehr und speziellere Unterstützung. Deshalb sollten sie im späten Kindergartenalter, also kurz vor der Einschulung bzw. in der 1. Klasse gezielt diagnostiziert und anschließend individuell gefördert werden.

Linkshändigkeit ist angeboren und eine physiologische Gegebenheit. Eine „Umschulung“ auf die rechte Hand ist kontraproduktiv.

Eine gezielte Unterstützung für Linkshänder zu Hause und in der Schule umfasst beispielsweise die Nutzung spezieller Linkshänderartikel (wie Bleistifte, Scheren, Hefte, Schreibunterlagen), das Platzieren der Linkshänder links von Rechtshändern, sowie ergonomische Tipps.

Welche Rolle spielen Sitzhaltung und Schreibumgebung?

Nicht nur unsere Hand schreibt. Während die dominante Hand die Schrift ausführt, stabilisiert die andere Hand die Bewegung. Die Augen übernehmen die visuelle Kontrolle, der Nacken hält den Kopf, in dem sich die Augen befinden, die Beine sorgen für die nötige Stabilität, und der Rumpf verbindet all diese Körperteile miteinander. Beim Schreiben mit der Hand sind mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke beteiligt, und dabei werden rund 12 Areale im Gehirn aktiviert.

Eine falsche Sitzhaltung – zum Beispiel zu nah oder zu weit vom Schreibuntergrund entfernt – beeinflusst jedes der am Schreibprozess beteiligten Elemente. Dies führt zu einer Kettenreaktion, die letztlich zu Problemen in der Schreibbewegung, der Schrift selbst und zu Schmerzen führen kann.

Auch die Schreibsituation spielt im Zusammenhang mit der Handschrift eine wichtige Rolle. So verändert sich die Handschrift beispielsweise abhängig von der Beschaffenheit der Schreiboberfläche (z. B. liniert oder unliniert, Papier oder Tablet) oder durch bestimmte Schreibmaterialien (z. B. Stiftdicke, Tintenfluss usw.). Manche Probleme treten nur in bestimmten Schreibsituationen auf – in anderen hingegen nicht.

Welche Übungen oder Methoden sind effizient, um die Schreibmotorik zu fördern?

Eine Übung, die beispielsweise in wissenschaftlichen Artikeln als wirksam erwähnt wird, ist das Kopieren von Sätzen (Abschreiben). Dabei kann sowohl das Tempo (schnell/langsam) als auch der Schwerpunkt, schnell versus genau schreiben, variiert werden.

Es ist wichtig, Kindern bei Übungen generell immer ausreichende Anweisungen und Anleitung zu geben. Regelmäßige, kurze Schreibübungen von ca. 5 –10 Minuten täglich oder mehrmals die Woche fördern eine leserliche und flüssige Handschrift.

Wie können Kinder mit großen Schwierigkeiten unterstützt werden?

Einige Beispiele dafür, was Lehrkräfte den Schülern in diesem Fall bieten könnten:

Bleiben Probleme bestehen, sollte jedoch ein spezielles Schreibtraining mit Therapeuten in Betracht gezogen werden. Kinder mit Problemen sollten auch auf mögliche Sehstörungen oder Einschränkungen der visuellen Wahrnehmung und Verarbeitung untersucht werden.

Ihre drei wichtigsten Tipps für Lehrkräfte:

Bewegung ist entscheidend: Bauen Sie motorische Übungen in den Unterricht ein

Auch Übungen, die den Körpertonus, die Muskelkraft, die Koordination und die Feinmotorik fördern, beispielsweise im Sport- oder Musikunterricht, unterstützen das Handschreiben.

Motivation ist der Schlüssel: Dies ist der entscheidende Schritt zu einer gesunden, flüssigen, ermüdungsfreien und individuellen Handschrift.

Gemeinsam für eine gute Handschrift

In Zusammenarbeit mit dem Schreibmotorik Institut bietet der Ernst Klett Verlag passende Online-Fortbildungen an. Ein Überblick aller Termine findet sich unter diesem Link

Foto Tal Hoffmann

Dr. Tal Hoffmann ist Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts und setzt sich für eine verbesserte Förderung des Handschreibens ein. Ein besonderes Anliegen ist es ihr, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aus unterschiedlichen Fachdisziplinen in die pädagogische Praxis zu tragen.