Immer mehr Kinder starten die 1. Klasse mit deutlichen sprachlichen Defiziten. Das ist kein neues Phänomen, aber es hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch verschärft. Lena Franke ist Grundschullehrerin unter anderem für Deutsch als Zweitsprache an einer Schule in Schleswig-Holstein. Dank ihrer Doppelrolle als Lehrerin und Schulbuchautorin gelingt es ihr, eine sichere Lernumgebung für DaZ-Lernende zu schaffen, ihnen die Sprache auf spielerische und alltagsnahe Weise zu vermitteln – und andere Lehrkräfte für DaZ zu inspirieren.

Frau Franke, vor welchen gesellschaftlichen Entwicklungen haben Sie sich für das Fach Deutsch als Zweitsprache entschieden?

Ich habe mich im Studium ganz bewusst für dieses Fach entschieden, weil ich in Praktika gesehen habe, wie sich unsere Schülerschaft durch die starke Zuwanderung von Geflüchteten verändert hat.

Was treibt Sie jetzt bei Ihrer Arbeit an?

Die Freude an der Arbeit mit Kindern. Ich finde es bereichernd, sie beim Lernen zu begleiten, sie bei ihrer Entwicklung zu unterstützen und jeden Tag mit ihnen neue Dinge zu erleben und zu entdecken. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich bin überzeugt, dass Bildung für alle Kinder möglich sein sollte, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und den Bedingungen zu Hause. Schule muss ein sicherer Ort sein, an dem alle Kinder spüren: Ich bin wertvoll, ich werde gesehen, ich kann etwas lernen. Dabei möchte ich eine gute Lernbegleiterin sein, die Kinder stärkt, ermutigt und ihnen letztlich zeigt, dass sie ihren eigenen Weg gehen können, egal woher sie kommen.

Welche aktuellen Herausforderungen beschäftigen Sie gerade in Ihrem DaZ-Unterricht?

Heterogenität bedeutet, dass die Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kommen. Bei der Einschulung bringen alle Kinder ganz unterschiedliche Kompetenzen mit. Beispielsweise im Wortschatz. Einige sprechen bereits gut Deutsch, andere kaum ein Wort. Manche sind in DaZ-Klassen bereits alphabetisiert und können somit bereits lesen und schreiben. Die Laut-Buchstabenzuordnung im Deutschen ist aber eine andere als die ihrer Herkunftssprache. Unabhängig davon, aus welchen Gründen die Kinder zugezogen sind – sei es Flucht oder die bewusste Entscheidung der Eltern, mit ihnen nach Deutschland bzw. in unsere Stadt zu kommen – ist es immer ein Zuzug, und die Kinder müssen sich immer neu einfinden. Sie müssen unsere Rituale und Regeln kennenlernen, in die Klassengemeinschaft hineinfinden und immer wieder Kennenlernphasen miteinander durchlaufen, da Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache häufig auch mitten im laufenden Schuljahr ankommen. Dabei allen Kindern gerecht zu werden ist eine große Herausforderung.

Schulbuchseite zum Thema Wortschatzarbeit

Abb.1: Wimmelbilder, wie auf dieser Kapitelauftaktseite, bieten eine gute Möglichkeit für Sprechanlässe.

Welche Unterrichtsmethoden haben sich in diesem Kontext bewährt?

Mir ist es wichtig, die Kinder von Anfang an zum Sprechen zu motivieren. Ich ermögliche den Kindern ein sogenanntes Sprachbad, das heißt, das Umgebensein von Sprache. Als Lehrkraft spreche ich möglichst viel Deutsch mit den Kindern, damit sie möglichst viel hören und somit rezipieren können. Schließlich geht man später vom rezeptiven in den produktiven Sprachgebrauch und Wortschatz über. Ich nutze auch gerne Fingerpuppen, weil die Kinder dann nicht selbst sprechen müssen, sondern eine Puppe sprechen lassen. Dadurch werden sie sehr viel mutiger. Mir liegt spielerisches Lernen sehr am Herzen, nicht zuletzt, weil wir auch privat in der Familie oder im Freundeskreis unsere Zeit mit Spielen verbringen. Aber die Kinder können dadurch noch einmal ganz anders zusammenfinden und miteinander lernen, unbemerkt und quasi fast nebenbei. Ich denke dabei zum Beispiel an Verkaufsgespräche am Kaufmannsladen oder an Brett- und Kartenspiele, bei denen Wörter geübt werden. Besonders wichtig ist dabei, dass die Themen aus der Lebenswelt der Kinder stammen.

Und Rituale?

Der Morgen startet immer gleich. Wir begrüßen uns und machen dann Übungen mit Bewegungen. Zeige auf den Tisch, zeige auf deinen Kopf, zeige auf deinen Fuß. Durch das Zeigen verstehen sie schon ganz viel von dem, was die Lehrkraft sagt. Wir besprechen das Wetter und das Datum. Das sind feste Bausteine, bevor wir überhaupt in den Unterricht starten. Wir starten jeden Tag gleich, damit sich die Kinder sicher fühlen. Sie sollen wissen, was auf sie zukommt, und jeden Tag kommen sie ein Stückchen weiter. Die Kinder merken durch die Wiederholungen, dass sie sehr schnell lernen und ins Sprechen kommen können.

Welche Auswirkungen hat Ihre Tätigkeit als Autorin von DaZ-Lehrwerken auf die Unterrichtspraxis?

Es gibt zu wenige Lehrkräfte, die für DaZ ausgebildet sind, und viele trauen sich das nicht zu. Ich finde es schön, in der Schule zu merken, dass ich mit Materialien arbeite, die für mich im Unterricht optimal sind. Es tut gut zu wissen, dass ich, obwohl ich noch nicht allzu lange im Beruf bin, andere Lehrkräfte durch meine Erfahrungen bei ihrer Arbeit unterstützen kann. Es ist etwas ganz Besonderes, mitzuerleben, wie die DaZ-Lernenden vom Nichtsprechen über erstes Zeigen, Gestik und Mimik zu einzelnen Wörtern und Sätzen schließlich zum flüssigen Sprechen kommen. Mit jedem Tag gewinnen sie neue Kommunikationsmittel hinzu. Dabei sind sie so stolz. Ich finde, Sprachbildung geht uns Lehrkräfte alle an.

Das Gespräch führte Arnd Zickgraf.

 

Zur Person

Lena Franke ist Grundschullehrerin im südlichen Schleswig-Holstein. Sie unterrichtet das Fach Deutsch, Deutsch als Zweitsprache, Englisch, Kunst und Sachunterricht.

Medien-Tipp

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