Klett Themendienst, 1.12.2025
Biologie-Fachdidaktiker der Uni Bonn haben das Heupferdchen-Abzeichen entwickelt und wollen so Schülerinnen und Schüler dazu bringen, bei Pflanzen und Tieren genauer hinzuschauen.
Zehn Mädchen und drei Jungen aus den Klassen 3 und 4 sitzen im Kreis, in der Mitte steht ein kleiner Tisch. Lehrerin Iris Tischler leert darauf einen Beutel mit Plastiktieren aus: Hund, Bär, Löwe, Tiger, Frosch, Schwan, Leguan, Fuchs, Panther und weitere kleine Spielzeugtiere liegen wild durcheinander, von einigen Arten gibt es mehrere Exemplare. Die Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler der Heinrich-Rantzau-Schule in Bad Segeberg sollen Tiere zu Gruppen anordnen. Die Kinder schieben die Figuren hin und her, dann wird das Ergebnis gemeinsam begutachtet. „Der Eisbär passt nicht gut zum Hund“, meint Jorik und begründet dies so: „Der eine lebt in der freien Wildbahn, der andere wurde gezüchtet.“ Jessica gefällt eine andere Zuordnung nicht: „Der Panda sollte lieber nicht so nah beim Tiger stehen.“ Die Lehrerin will wissen, ob sie Angst davor hat, dass der Tiger den Pandabären fressen könnte. „Ja!“, lautet die spontane Antwort vieler Kinder.
Ein Abzeichen zur Belohnung
Sie treffen sich einmal die Woche zu einer Unterrichtsstunde in ihrem Arbeitskreis Natur, eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft. In diesem Schuljahr winkt ihnen für ihr Interesse eine besondere Auszeichnung: Wer im kommenden Frühjahr eine kleine Prüfung besteht, bekommt das Heupferdchen – ein neues Abzeichen, dessen Name an das Sehpferdchen erinnert, mit dem erste Schwimmkenntnisse belohnt werden. Das Heupferdchen – abgebildet ist ein grünes Heupferd, eine Heuschreckenart – gibt es für das Beobachten, Bestimmen und Dokumentieren von Pflanzen und Tieren. „Wir haben im AK Natur sehr interessierte Kinder, und so ein Abzeichen erhöht die Motivation nochmal. Viele fragen mich, wann wir die Prüfung denn endlich machen“, berichtet Tischler, Lehrerin für Deutsch, Sachkunde, Kunst und Technik. Die heutige Stunde dient dazu, sich zu überlegen, nach welchen Kriterien man Tiere sortieren kann – welche sind sich ähnlich, welche unterscheiden sich grundlegend.
Tischler führt zunächst den Unterschied zwischen Tierreich, Pflanzenreich und Pilzen ein und nimmt dann die Tiere immer genauer unter die Lupe: Welche von den Plastikfiguren gehören zu den Wirbel- und welche zu den Weichtieren, bei welchen handelt es sich um Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Vögel oder Fische, welche sind Raubtiere? Die Kinder stellen sie zu immer neuen Gruppen zusammen und diskutieren darüber, ob man sie nicht auch nach den Regionen einteilen könnte, in denen sie leben.
Beobachten, Bestimmen und Dokumentieren in kleiner Gruppe
Heute bleiben die Mädchen und Jungen die 45 Minuten im Klassenraum. In den nächsten Wochen werden sie in ihrem AK Natur mit ihrer Lehrerin häufiger rausgehen, um Blätter und vielleicht auch Knospen zu bestimmen sowie Insekten zu fangen. Jeder soll seine Funde und Beobachtungen in ein Heft zeichnen, dort können auch gepresste Blätter eingeklebt werden. Seit neun Jahren unterrichtet Tischler an der Grundschule in Bad Segeberg. Hat sich seitdem etwas beim Wissen über die Natur geändert? „Es gab und gibt Kinder, die ganz viel darüber wissen und oft draußen sind, gerade in unserer eher ländlichen Region. Generell ist das Interesse am Sachunterricht sehr groß“, sagt Tischler und fügt hinzu: „So intensiv wie in der heutigen AK-Natur-Stunde könnte ich aber mit einer ganzen Klasse nicht arbeiten, da würde die Hälfte irgendwann aussteigen. Viele Kinder brauchen bei solchen Themen mehr Praxis und Bewegung. Und es gibt auch immer wieder Mädchen und Jungen, die keinen Baum bestimmen können.“
„Ich bin Artenkenner:in“

Johann Hense mit dem Heupferdchen, Foto: Joachim Göres
Der Biologie-Fachdidaktiker Jonathan Hense von der Universität Bonn hat das Heupferdchen mit entwickelt – ein runder grün-weißer Stoffaufnäher mit dem Aufdruck „Ich bin Artenkenner*in“ inklusive Urkunde (siehe www.biodidaktik.uni-bonn.de/heupferdchen). Auf der feierlich verliehenen Urkunde wird bestätigt, dass der ausgezeichnete Naturfreund mindestens fünf heimische Pflanzen, Tiere oder Pilze kennt, mindestens zwei Arten bestimmen kann, besondere Kennzeichen zeichnen und dokumentieren kann sowie Techniken zum Fangen von wirbellosen Tieren kennengelernt hat. „Wir wollen so Kinder motivieren, sich mit der Natur zu beschäftigen. Das Interesse ist groß, seit Anfang dieses Jahres haben wir das Abzeichen bereits mehr als 3500 Mal vergeben. Manche Kinder tragen es stolz auf ihrem Rucksack oder ihrem Käppi“, sagt Hense. Außer von Schulen hat er Anfragen von Kindergärten, Kirchengemeinden, Umweltstationen, Naturpädagogen und Privatleuten aus ganz Deutschland.
Reaktion auf sinkendes Naturwissen
Das Abzeichen ist auch eine Reaktion auf sinkende Kenntnisse. Thomas Gerl, Biologielehrer aus Bayern, hat zum Wissen über heimische Singvogelarten bereits 2018 in einer Studie knapp 2000 bayrische Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 19 Jahren befragt, davon 1400 Gymnasiasten. Im Vergleich zu einer zehn Jahre zuvor durchgeführten Vorgängerstudie kannten die Gymnasiasten im Schnitt eine Vogelart weniger, sie konnten nur fünf der 15 häufigsten Singvogelarten richtig benennen. Besonders schlecht schnitten Kinder und Jugendliche auf dem Lande ab, worin sich laut Gerl der Rückgang der Vogelzahlen in den ländlichen Regionen widerspiegele.
Fördert kritisches Denken und systematisches Arbeiten
Alena Rögele hat 2021 für ihre Dissertation an der Universität Tübingen untersucht, welchen Effekt es hat, wenn Schülerinnen und Schüler bei einem Projekt über die Biodiversität von Wasservögeln die Rolle von Forschern übernehmen und durch Beobachtungen Daten sammeln und bewerten. An der Studie nahmen 345 Mädchen und Jungen aus den Klassen 5 und 6 aus Baden-Württemberg teil. Ergebnis: Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe sind die Motivation und die Kenntnisse nicht größer, aber es verbessert sich das wissenschaftliche Schlussfolgern.
Die Hoffnung von Hense: Durch das Heupferdchen lernen noch mehr kleine Naturfreunde das wissenschaftliche Arbeiten in Form vom selbstständigen Sammeln, Erkennen (inklusive Benutzung von Bestimmungshilfen) und Dokumentieren kennen und engagieren sich für den Erhalt der Umwelt – nur was man kennt, schützt man auch.
Grundschullehrerin Tischler will das Heupferdchen auch in den nächsten Jahren an ihrer Schule anbieten – allerdings nur für die Schülerinnen und Schüler des Naturarbeitskreises und nicht im regulären Unterricht. Zum Abschluss lenkt sie den Blick auf einen besonderen Aspekt: „Der direkte Kontakt mit der Natur ist wichtig, wir gehen an unserer Schule so oft wie möglich mit unseren Klassen raus. Dabei profitieren wir von kurzen Wegen, denn auf unserem Gelände haben wir einen Schulwald mit Waldklassenzimmer und Tafel. Das ist sehr viel wert.“
Autor: Joachim Göres
Kompakt Das Heupferdchen ist ein Abzeichen, das für Pflanzen- und Tierkenntnisse an Kinder verliehen wird. Es wurde vom Biologie-Fachdidaktiker Jonathan Hense von der Uni Bonn mitentwickelt mit dem Ziel, stärker die Natur wahrzunehmen und das selbstständige Beobachten, Bestimmen und Dokumentieren von Pflanzen und Tieren zu fördern. An einer Grundschule in Bad Segeberg bereiten sich Mädchen und Jungen einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft auf die Prüfung im kommenden Jahr vor und hoffen darauf, dass sie danach den runden Stoffaufnäher mit einer grünen Heuschrecke und dem Text „Ich bin Artenkenner*in“ tragen dürfen.

Über die Bewohner des Waldes sprechen, Blätterbestimmen oder Pilze untersuchen, das ist Teil des Sachkundeunterrichts in der Grundschule. Lehrwerksreihen wie Niko Sachunterricht vermitteln nicht nur die passenden, sachunterrichtlichen Methoden sondern fördern mit ihren Sachtexten gleichzeitig das Lesenlernen.
