Klett Themendienst, 1.12.2025
Vom Gymnasium direkt auf die Uni war gestern. An vielen Gymnasien spielt die Berufsorientierung nicht nur in Form von Berufspraktika eine wachsende Rolle. Die Lüneburger Herderschule gehört in Niedersachsen mit zu den Leuchtturmschulen. Ein Bericht über Berufsorientierung ab Klasse 5 und Brücken für Jugendliche, die sich schwer mit der Schule tun.
Zollstock, Löffel, Plastikpferd, Kugelschreiber, Akte, Kinderzeichnung – Schülerinnen und Schüler aus der Klasse 11d der Lüneburger Herderschule haben diese und weitere Gegenstände auf den Boden ihres Klassenraums gelegt. Die Gymnasiasten haben kürzlich ein zweiwöchiges Betriebspraktikum gemacht, über das sie jetzt unter Leitung ihrer Politiklehrerin Franziska Schädlich sprechen. Erste Aufgabe: Jeder soll etwas über seinen Gegenstand sagen. „Ich war beim Tierarzt und zum Beispiel dabei, als Pferde geröntgt wurden. Das war sehr interessant, ich habe Sachen gemacht, die ich mir sonst nicht zugetraut hätte“, sagt ein Mädchen und hält eine kleine Pferdefigur in der Hand. Ein Junge zeigt auf ein Papierschiff, das er von Kindern aus einer Kita geschenkt bekommen hat. „Ich habe mit ihnen gemalt und gespielt, wir waren viel draußen, es war nie langweilig. Die Erzieher waren nett, das hat Spaß gemacht“, erzählt er. Fast alle berichten über positive Erfahrungen.
„Win-Win“ – Kontakt zu potenziellen Bewerbern
Dann sollen sich jeweils zwei Jugendliche in Partnerarbeit über ihren ersten Praktikumstag unterhalten. „Ich war ein bisschen nervös“, gibt Hannah zu, als sie um sechs Uhr morgens zu ihrem Praktikum in einer Polizeistation aufbrach, „doch alle waren sehr freundlich, haben sich Zeit für mich genommen und mir alles gezeigt. Ich durfte Akten lesen und war später auch bei Einsätzen dabei.“ Sie hatte sich bereits ein Jahr vor dem Praktikum beworben, weil die Polizei frühzeitig über die Vergabe der Praktikumsstellen entscheidet. Florentine hat sich für ein Praktikum in einem Architekturbüro entschieden, um ihre früher beim Girls Day gewonnenen Eindrücke zu vertiefen. „Am ersten Tag haben sich die Mitarbeiter vorgestellt und ich bekam einen Überblick über die Firma, das war gut“, erzählt Florentine Hannah.
Danach verteilt Schädlich geschlossene Briefumschläge an die Klasse – jeder hat vor dem Praktikum seine Erwartungen für sich aufgeschrieben, jetzt lesen sich alle noch einmal durch, was sie damals zu Papier gebracht haben und überlegen, ob alles so gelaufen ist wie erhofft. Florentine, die in den 14 Tagen unter anderem tiefere Einblicke in den Umgang mit Flächenbebauungsplänen bekam, stellt selbstkritisch fest: „Sie haben sich gut um mich gekümmert, doch ich hätte mit den Mitarbeitern noch mehr über ihre Arbeit sprechen können. Das habe ich mich nicht ganz getraut.“
Tipps für die Praktikumssuche
Schließlich formulieren die Schülerinnen und Schüler für den 10. Jahrgang Tipps für die Praktikumssuche: Einen Betrieb aus einem Berufsfeld aussuchen, das einen interessiert und in dem man für sich in der Zukunft Perspektiven sieht. Offen sein für neue Eindrücke. Fragen überlegen. Nicht enttäuscht sein, wenn man nach dem Praktikum merkt, dass dieser Bereich doch nicht den eigenen Vorstellungen und Fähigkeiten entspricht.
Am Ende erinnert Schädlich daran, dass in knapp einer Woche der schriftliche Praktikumsbericht abgegeben werden muss. Auf drei bis fünf Seiten sollen dabei die gesammelten Erfahrungen unter einem Oberthema abgehandelt werden, das in Beziehung zum Politikunterricht stehen. Konkret: Die Schülerinnen und Schüler sollen auch aufschreiben, wie sich der demographische Wandel, der Fachkräftemangel, der Einsatz der künstlichen Intelligenz oder die Flexibilisierung in der Arbeitsweit auf den Beruf auswirkt, den sie im Praktikum kennengelernt haben.
Bereits ab Klasse 5 zentrales Thema
Betriebspraktika sind in den Gymnasien in Niedersachsen in allen 11. Klassen vorgeschrieben, für die Vor- und Nachbereitung gibt es im ersten Halbjahr wöchentlich zwei zusätzliche Unterrichtsstunden. Künftig soll ein zweites Praktikum in der 9. Klasse an allen Gymnasien in Niedersachsen Pflicht werden. Für das Gymnasium Herderschule sind die Praktika Teil eines umfassenden Konzeptes zur Berufsorientierung. Dazu gehören bis zur Klasse 7 das Führen eines so genannten Stärkekompasses, der den Blick auf die Entwicklung der eigenen Kompetenzen lenkt. Die Mädchen und Jungen sollen in bestimmten Abständen selber einschätzen, was ihnen beim Sozial- und Arbeitsverhalten besonders gut, meistens, manchmal oder noch nicht gelingt.
Ab der 8. Klasse können Schülerinnen und Schüler sich einmal im Monat in der Herderschule von einem Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit beraten lassen. In der Klasse 9 steht eine Betriebserkundung auf dem Programm, in den Klassen 9 und 12 findet ein Bewerbungstraining statt. Für den Jahrgang 10 ist ein Sozialpraktikum Pflicht, für die 11 ein Betriebspraktikum, der 12. Jahrgang besucht die Ausbildungsmesse Vocatium und vor dem Abitur wird ein studienfeldbezogener Beratungstest durchgeführt. Mit diesem Angebot gehört das Gymnasium zu den sogenannten Leuchtturmschulen in Niedersachsen.
„Berufsorientierung kostet Unterrichtszeit“

Stefan Mattheus mit Stärkekompass
Stefan Mattheus ist an der Herderschule als Fachobmann für den Bereich Berufsorientierung zuständig. Bis 2003 unterrichtete der Lehrer für Politik/Wirtschaft und Erdkunde an einem Gymnasium in Hamburg. „Dort hatte und hat die Studium- und Berufsorientierung an allen Schulen eine große Bedeutung. Ich war entsetzt, dass das in Niedersachsen damals kein Thema war“, sagt Mattheus und fügt hinzu: „Das hat sich zum Glück geändert.“ Er begrüßt das zweite verbindliche Berufspraktikum in der Klasse 9 ab spätestens 2027 („vielleicht wechseln dann mehr nach der 10. Klasse in einen Beruf, die mit der Schule zu kämpfen haben“), verhehlt aber nicht, dass das neue Praktikum nicht bei allen im Kollegium auf Begeisterung stößt: „Es kostet Unterrichtszeit.“
Arbeitgeberumfrage: Deutsch und Teamfähigkeit zentral
Der Arbeitgeberverband Nordmetall hat kürzlich im Bundesland Bremen 700 Jugendliche der Klassenstufen 11 und 12 sowie 44 Betriebe aus der Metall- und Elektroindustrie zum Thema Berufsorientierung befragt. Dabei gehen die Einschätzungen zum Teil deutlich auseinander. So halten Schülerinnen und Schüler das Fach Englisch am wichtigsten für den beruflichen Erfolg, gefolgt von Mathe und Deutsch. Die Reihenfolge bei den Arbeitgebern ist umgekehrt, Deutsch wird als mit Abstand wichtigstes Fach genannt. Jugendliche sehen Eigenschaften wie Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Disziplin und Pünktlichkeit im Berufsleben für sehr wichtig an, bei den befragten Unternehmen stehen dagegen die Arbeitsmotivation und die Teamfähigkeit am höchsten im Kurs. Schulpraktika spielen die größte Rolle bei den Überlegungen zur Berufswahl, gefolgt von Ratschlägen der Eltern und Informationen über soziale Medien. Bei ihren beruflichen Wünschen nennen sie an erster Stelle eine gute Bezahlung, danach kommen Spaß an der Arbeit, ein sicherer Arbeitsplatz sowie eine interessante und sinnvolle Tätigkeit. „Diese Einstellung hat sich geändert, vor zehn Jahren war für unsere Schülerinnen und Schüler der Inhalt der Arbeit wichtiger“, ist auch der Eindruck von Mattheus.
Berufsschule als Alternative zum Gymnasium
Künftig soll in Niedersachsen stärker auf das Angebot der Berufsschulen hingewiesen, als mögliche Alternative zum Abitur am Gymnasium. „Wenn jemand aus unseren Klassen auf ein Berufsgymnasium wechselt und dort glücklich wird, haben wir alles richtig gemacht“, sagt Mattheus. Gemeinsame Infoveranstaltungen mit den Berufsschulen gibt es an der Herderschule und anderen Gymnasien bislang nicht – das Interesse an einer möglichst großen Oberstufe mit vielen Fächerangeboten überwiegt.
Text: Joachim Göres
Kompakt
Berufsorientierung spielt an Gymnasien eine wachsende Rolle – so ist in Niedersachsen künftig neben einem Betriebspraktikum im Jahrgang 11 ein weiteres Praktikum bereits in der 9. Klasse vorgeschrieben. Gleichzeitig wächst bei Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen das Interesse, sich angesichts des Fachkräftemangels als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren und über Betriebspraktika Kontakte zu potenziellen Bewerbern für eine Ausbildung oder ein duales Studium herzustellen. Neben Praktika inklusive Vor- und Nachbereitung spielen individuelle Beratungsangebote und Tests sowie die Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen eine wichtige Rolle bei der beruflichen Orientierung für Gymnasiasten.

Medien-Tipp
Zur Berufsorientierung zählt vor allem die Reflexion der persönlichen Stärken, Wünsche und Erfahrungen. Darauf zahlt die neue Arbeitsheftreihe „Starke Seiten Berufsorientierung“ ab Klasse 6 mit leicht zugänglichen und handlungsorientierten Aufgaben ein.
