In Zeiten rückläufiger Basiskompetenzen reagieren auch Bildungsmedien auf sinkende Lesefähigkeiten und Sprachkompetenzen. Zwischen förderdiagnostischen Angeboten und sprachsensibel verfassten Texten und Aufgaben zählt dazu eine bewusst starke Visualisierung der Materialien.  

Ein kurzer Moment der Stille. Dann die ersten Stimmen: „Da hinten passiert noch etwas!“, „Warum ist das so?“, „Ich glaube, das hängt zusammen mit …“. Was hier den Unterricht in Gang bringt, ist kein Arbeitsauftrag und kein Text. Es ist ein Bild. Ein großformatiges, detailreiches Motiv eines Vulkans, das mehr zeigt, als man auf den ersten Blick erfassen kann. Ein Bild, das neugierig macht. Und genau darin liegt seine Kraft.

Viele Lehrkräfte erleben täglich, dass der Einstieg in ein neues Thema nicht mehr selbstverständlich gelingt. Schülerinnen und Schüler tun sich zunehmend schwer damit, längere Inhalte zu erschließen, Zusammenhänge zu erkennen oder zentrale Informationen herauszufiltern. Das ist keine Randbeobachtung, sondern eine zentrale Herausforderung für Unterricht heute. Umso wichtiger wird daher die Frage: Wie schafft man für Schülerinnen und Schüler Zugänge, die alle erreichen, und zwar unabhängig vom individuellen Lernstand? Eine Antwort darauf liegt im Visuellen.

Ein Bild als Anfang

„Wenn Schülerinnen und Schüler beginnen zu beschreiben, zu fragen und zu diskutieren, ist ein entscheidender Schritt bereits getan: Sie sind im Thema,“ sagt Lorenz Steinert, Gruppenleiter für  gesellschaftswissenschaftliche Fächer im Ernst Klett Verlag. „In den neuen Generationen unserer Lehrwerke setzen wir gezielt auf großformatige, doppelseitige Bildwelten. Sie sind nicht als dekoratives Element gedacht, sondern erfüllen einen didaktischen Zweck.“

Diese Bilder funktionieren anders als klassische Illustrationen in Bildungsmedien: Sie erklären nicht sofort, geben keine eindeutige „Lösung“ vor und laden mit nur wenig Text zum Entdecken ein. Ausgangspunkt für das neue Element war ein einfacher Gedanke: „Wir wollen Schülerinnen und Schüler für die Fächer begeistern, von denen auch wir begeistert sind.“ Das Prinzip kennt man von Sach-Bilderbüchern. Mit ihrem Wimmelbild-Charakter eröffnen sie verschiedene Zugänge gleichzeitig: Schülerinnen und Schüler können Details finden, Zusammenhänge vermuten, Fragen stellen. Jeder und jede auf ihrem jeweiligen Niveau. So entsteht ein gemeinsamer Startpunkt für alle und motiviert auch zurückhaltende Kinder und Jugendliche zur aktiven Mitarbeit.

Vom Sehen zum Verstehen

Von Anfang an war der Redaktion wichtig, dass die Bilder nicht nur gut aussehen, sondern auch einen starken Nutzen für den Unterricht haben. Dies wird zum einen durch bewährte Aufgabentypen gewährleistet. Diese folgen oft der didaktischen Logik der klassischen Bildanalyse: Was ist zu sehen? Wie ist es dargestellt? Welche Bedeutung hat es? Zum anderen werden die großformatigen Bilder anders als bei den meisten anderen Bildquellen um Textfelder auf und neben den Bildern gerahmt. In ihnen stehen Informationen oder auch Fragen, deren Antworten die Schüler mittels der folgenden Seiten erarbeiten können.

Zwischen Staunen und Struktur: Die besondere Qualität der Bildwelten

Die großformatigen Motive verbinden damit zwei Dinge, die im Unterricht oft getrennt gedacht werden: ästhetische Qualität, die emotional anspricht und fachliche Präzision, die gezieltes Lernen ermöglicht. Steinert erklärt dazu: „Jedes Bild ist bewusst komponiert, mit unterschiedlichen Erarbeitungstiefen, mit Details für unterschiedliche Lernniveaus und mit klaren Anknüpfungspunkten für das jeweilige Thema.“ So entstehen visuelle Lernräume, die sowohl Orientierung geben als auch Offenheit zulassen.

Entdeckerseite Hochgebirge

Geografische Entdeckerseiten: Eine Brücke vom Sehen zum Verstehen.

Ein Beitrag zur Sprachbildung ohne Textüberforderung

Gerade in heterogenen Lerngruppen, wo Leistungsunterschiede groß sind und die Sprach- und Lesekompetenzen weit auseinandergehen, entfalten solche Bildwelten ihre besondere Stärke. Sie bieten Sprechanlässe, ohne sprachlich zu überfordern. Und sie ermöglichen Beteiligung, auch wenn das Lesen schwerfällt. Schließlich fördern sie genau das, was für fachliches Lernen entscheidend ist: das aktive Formulieren, Beschreiben und Begründen. Mittels QR-Code gelangen die Schülerinnen und Schüler zum Klett-eigenen Tool „Medien in Ebenen“. Dort können sie in die Bilder hineinzoomen, Ebenen an- und ausschalten und zusätzliche Informationen aufrufen.

Systematisch integriert in neue Lehrwerksgenerationen

Die großformatigen Bildkonzepte sind Teil eines umfangreichen Maßnahmenkatalogs des Ernst Klett Verlages angesichts rückläufiger Basiskompetenzen. Dieser zielt darauf ab, die rückläufigen Grundkenntnisse beim Übergang von Grundschulen auf weiterführende Schulen, wie etwa das Wortschatzvermögen oder die Lesefähigkeit in den ersten Jahren der Sekundarstufe 1 stärker zu unterstützen. Neben einer einfacheren Sprache, klaren Strukturen und vielen Hilfestellungen zählt dazu auch eine bewusst starke Visualisierung, die zugleich motiviert und aktiviert und dabei helfen soll, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen.

Zu finden sind solche Bildkonzepte in den neuen Generationen der Geographielehrwerksreihe Terra für das Gymnasium und die mittleren Schulformen und dem Geschichtslehrwerk Zeitreise in Baden-Württemberg ab Klasse 5. Eine Erweiterung um weitere visuelle Stile und Fächer befindet sich in der Umsetzung.

Text: Anja Vrachliotis

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Im Fach Geschichte: Große Bilder sollen die Neugier wecken, über historische Fragen nachzudenken.