Das gleiche Übungsheft für die ganze Klasse – das war noch nie gut. Aber in Zeiten einer zunehmend heterogenen Schülerschaft funktioniert das gar nicht. Welches Material Lehrkräfte heute brauchen, wissen Daniela Götze und Michael Schlienz. Sie ist Professorin an der Universität Dortmund und forscht zu Mathematikdidaktik in der Grundschule. Er gehört zur Geschäftsführung des Ernst Klett Verlags und befasst sich seit vielen Jahren mit der Differenzierung von Bildungsmaterialien.
Was macht eine gute Unterrichtsaufgabe aus?
Daniela Götze: Insbesondere im Mathematikunterricht geht es nicht vordergründig nur darum, das richtige Ergebnis zu finden, sondern mathematisch tätig zu werden. Das gilt in ähnlicher Weise auch für andere Fächer. Aufgaben müssen daher so gestaltet sein, dass sie Anlass geben, im Unterricht über Lösungswege zu sprechen und zu argumentieren. Eine Aufgabe sollte dabei das unterschiedliche Potenzial fördern. Sie muss einen einfachen Zugang für die schwächeren, aber zugleich auch Rampen für die stärkeren Kinder bieten.
Michael Schlienz: Ausgangspunkt im Unterricht ist häufig eine thematische Klammer, also eine Fragestellung, eine Herausforderung, mit der sich die gesamte Klasse befassen kann. Danach gehen die Kinder das Thema vielleicht auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichen Lernschritten an. Aber am Ende ist jedes Kind im Idealfall in der Lage zu der Fragestellung auf seinem Niveau etwas zu sagen. Dabei hilft natürlich vielfach differenziertes Lernmaterial.
Wie viel Differenzierung im Lernmaterial ist denn sinnvoll?
Schlienz: Mehr als drei bis vier verschiedene Niveaus sollten es nicht sein. Das heißt konkret: Es gibt ein gemeinsames Lehrbuch für alle und dazu drei verschiedene Arbeitshefte, die aber von der Gliederung übereinstimmen, sonst ist das organisatorisch nicht machbar. Eine Lehrkraft kann nicht jedem Kind einzeln sagen, auf welcher Seite es arbeiten soll. Also arbeiten alle auf Seite 28 an der dritten Aufgabe. Aber die kann im Heft des einen Kindes eine andere sein als im Heft des anderen Kindes.
Götze: Und diese Aufgabe sollte dann immer einen gemeinsamen Kern haben. Denn Lernen ist vor allem ein sehr kommunikativer und sozialer Prozess. Es reicht nicht, dass Kinder in ihren Heften an eigenen Aufgaben allein vor sich hinarbeiten. Wir dürfen nicht in die Individualisierungsfalle geraten. Es braucht den Austausch – unabhängig davon, wo jedes Kind steht. Der Austausch ist auch enorm wichtig für den weiteren Spracherwerb. Außerdem verstehen Kinder Sachverhalte oft besser, wenn sie sich diese untereinander erklären, als wenn wir Erwachsenen dies tun. Dieses Potenzial müssen wir nutzen, damit sie lernen, Dinge auf unterschiedliche Weise zu durchdenken.
Wie kann differenziertes Material aussehen, dass zugleich auch das gemeinsame Lernen zulässt?
Götze: Ich überlege mir zunächst, wie eine Basisaufgabe aussieht. Von dort kann ich dann nach unten und nach oben ableiten. Wie kann ich also die Aufgabe ergänzen für ein Kind, das noch mehr Unterstützung braucht? Und wie kann ich die Aufgabe erweitern für ein Kind, das noch mehr Futter braucht? Aber beide Kinder können sich trotzdem über die Basisaufgabe unterhalten.
Inwieweit ist bei der Gestaltung von Lernmaterial im Blick, dass Kinder unterschiedlich lernen?
Schlienz: Das spielt eine große Rolle. In der Forschung zu Lernertypen sind wir heute viel weiter. Die Unterrichtsmaterialien sind entsprechend angepasst. Vor allem die Hybridisierung des Lernens, also die Verzahnung von Analogem und Digitalen, hilft dabei, den Schülerinnen und Schülern alle Optionen des Scaffolding, also der an den individuellen Lernstand angepassten Unterstützung, zu geben. Über einen QR-Code im Buch oder Arbeitsheft kommen sie zum Beispiel zu weiteren Unterstützungsmaterialien, Abbildungen oder Erklärvideos. Die Lehrkräfte sind frei darin, wie sie die Lernsettings gestalten.
Götze: Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht nur unsere Kinder sehr heterogen sind, sondern auch die Lehrkräfte. Nicht jede Lehrkraft fühlt sich sicher darin, den Unterricht digitaler zu gestalten. Insofern versuchen wir, immer beides gleichermaßen zu bedienen und den Lehrerinnen und Lehrern die Wahl zu lassen. Denn es kommt nicht darauf an, ob sie analoges oder digitales Material nutzen, sondern darauf, wie gut sie dieses analoge oder digitale Material einsetzen, damit Schülerinnen und Schüler besser lernen und verstehen können.
Wie eng arbeiten Sie bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien mit Lehrkräften zusammen?
Schlienz: Das ist eine sehr enge Zusammenarbeit. Auch die Autorinnen und Autoren der Lehrbücher kommen ja aus der Praxis und verfügen demnach über ein tiefes Verständnis für lernwirksame Prozesse, die sie in unseren Lernmedien abbilden. Oft erstellen wir auch erst einmal Pilotmaterialien, die Lehrkräfte vorab testen, bevor wir sie auf den Markt bringen. Außerdem gibt es regelmäßig Evaluationen und Gesprächsrunden, um zu erfahren, wie Lehrkräfte die Materialien nutzen, was ihnen gefällt und was nicht.
Götze: Wichtig ist bei der Konzeption von Unterricht natürlich auch die wissenschaftliche Expertise. Zum Beispiel in der Frage, welche Basiskompetenzen wir in der Grundschule adressieren müssen oder wie Aufgaben gestaltet werden können, damit Kinder noch mehr Selbstwirksamkeit erleben. Die Rückmeldungen aus der Praxis und damit von den Lehrkräften geben dann Aufschluss darüber, wie Kinder mit diesem Material lernen. Dies hilft, es zu verbessern, damit noch mehr Kinder mitgenommen werden können.
Das Gespräch führte Annette Kuhn im Whitepaper Schulen in der Superdiversität
