Die naturwissenschaftlichen Kompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler sind laut der jüngsten Pisa-Untersuchung 2025 so niedrig wie noch nie. Lehrkräfte berichten immer häufiger, dass die Lern- und Leistungsniveaus in ihren Klassen immer weiter auseinander gehen. Um den Unterricht in heterogenen Klassen besser zu unterstützen, entwickeln Verlage wie Klett zunehmend fachspezifische Fördermaterialien. Die Förderschullehrerin und Schulbuchautorin Dr. Claudia Nagode erläutert, wie sie dafür den Unterrichtsstoff didaktisch reduziert.
Worauf muss sich der naturwissenschaftliche Unterricht in heterogenen Klassen heute einstellen?
Die Zusammensetzung der Klassen hat sich verändert. In fast allen Schulen hier in Nordrhein-Westfalen lernen Kinder und Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Diese resultieren vielleicht aus einem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf oder einem Migrations- oder Fluchthintergrund. Sie bringen ganz verschiedene Herangehensweisen an den Unterricht und ein unterschiedliches Vorwissen mit. Zudem gibt es vermehrt Kinder, bei denen ADHS oder zumindest Konzentrationsschwierigkeiten diagnostiziert werden. Dies stellt die Lehrkräfte vor große Herausforderungen. Wenn man davon ausgeht, dass viele Lehrkräfte alleine vor Klassen mit 30 Kindern stehen, die sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, dann sind wir ziemlich am Rande dessen, was unser Schulsystem leisten kann.
Was bedeutet das konkret für den naturwissenschaftlichen Unterricht und welche Anforderungen haben Lehrerinnen und Lehrer an passende Fördermaterialien?
In Fächern wie Biologie oder Chemie geht es darum, dass Schülerinnen und Schüler nicht nur naturwissenschaftliche Phänomene beschreiben, sondern sie auch verstehen und erklären sollen. Kinder auf Förder- und Inklusionsniveau sollten daher zunächst an den Grundlagen arbeiten, um ein Verständnis für naturwissenschaftliche Phänomene zu bekommen. Damit werden sie gestärkt, um später auf dem Grundniveau oder dem erweiterten Niveau des Lehrplans weiter zulernen.
Materialien für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen müssen einfach einsetzbar sein. Bei einem Arbeitsblatt müssen Lehrkräfte sofort erfassen können, wann sie einsetzbar sind, welches zusätzliche Material erforderlich ist – Schere und Kleber geht gerade noch – alles darüber hinaus wird kompliziert. Lösungen müssen auch für fachfremde Lehrkräfte in Vertretungssituationen verfügbar sein.
Wie gehen Sie bei der Entwicklung von Fördermaterialien heran?
Ich gehe von der Praxis aus. Ich stelle mir beispielsweise vor, wie Schülerinnen und Schüler vor der Textseite des Schulbuchs sitzen, das ich gerade entwickle. Dann kommen mir Ideen, wie die verschiedenen Schülerinnen und Schüler einen Bezug zum Thema aufbauen könnten. Ich verbinde das Thema mit ihrer Lebenswelt. Viele bringen nur wenig Vorwissen und auch wenig Alltagswissen über Biologie und Chemie mit. Also versuche ich, einen Anker zu finden, um das naturwissenschaftliche Thema an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler anzudocken.
Empathie spielt bei der Entwicklung also eine große Rolle?
Einfühlungsvermögen, sehr viel Erfahrungswissen und Ausprobieren. Mit den Jugendlichen darüber reden. Ich spreche mit meinen Schülerinnen und Schülern über Entwürfe von Schulbuchseiten. Was stellst du dir vor, wenn du das liest? Was verstehst du? Was nicht? Welche Wörter findest du schwierig?
Fördermaterialien bewegen sich zumeist unterhalb des Niveaus der Lehrpläne, zielen aber z.B. mit einfacherer Sprache darauf ab, ein grundlegendes Verständnis für naturwissenschaftliche Phänomene zu schaffen. Was bedeutet es, Lehrmaterialien auf diesem Niveau zu entwickeln?
Ich schätze die intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Welche Inhalte sind grundlegend relevant für die Schülerinnen und Schüler? Wenn ich Lehrmaterialien auf Grundniveau entwickle, muss ich mich auf das Wesentliche konzentrieren. Was ist grundlegend? Was will ich wirklich aussagen? Was sind Füllwörter, die ich weglassen kann? Ich versuche, möglichst kurze Sätze ohne viele Einschübe zu bilden und Fremdwörter zu vermeiden.
Früher haben wir zum Beispiel in der Schule gelernt, dass man Wörter nicht wiederholen darf, da dies als schlechter Stil galt. Wenn ich einmal „Wasser” schreibe, muss ich danach „Flüssigkeit” und dann wieder „H₂O” sagen, um mich nicht zu wiederholen. Das verwirrt Kinder und Jugendliche häufig, wenn sie sich mit diesem Thema sprachlich noch nicht umfassend auskennen. Sie denken jedes Mal, das sei etwas anderes. Was ich für eine stilistische Variation halte, führt nur zur Verwirrung.
Haben Sie ein einfaches Beispiel aus den Naturwissenschaften?
Manchen Kindern ist nicht klar, dass sich Wasser in seinen Aggregatzuständen verändern kann. Wasser kocht bei 100 °C und gefriert bei 0 °C. Diese Erfahrungen haben viele Kinder noch nicht gemacht. Das muss man ihnen vermitteln, am besten praktisch oder durch sprachsensible Texte. Ich habe vorrangig mit Kindern zu tun, die das nicht wissen, nicht kennen und sich das auch nicht gut vorstellen können.
Im Idealfall unterrichte ich verschiedene Niveaustufen und probiere das Unterrichtsmaterial mit ihnen in der Klasse aus. Es lohnt sich, Versuche durchzuführen und das Material anschließend zu nutzen, um Inhalte weiterzuentwickeln.
Um unterschiedliche Lernniveaus beim Experimentieren, Anwenden und Transferieren grundsätzlich zu berücksichtigen, werden Aufgaben zumeist als Gruppenarbeit angeleitet. Dabei unterstützen passgenaue Versuchsvideos bei der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Experimente.

Infografik Gasbrenner Chemieunterricht aus Prisma Chemie 1 (2026)
Wie trägt Fördermaterial zum gemeinsamen Lernen in der Klasse bei?
Um Neugier, Fachwissen und wissenschaftliches Denken in heterogenen Klassen zusammenzubringen, helfen bei der Einführung eines neuen Themas alltagsbezogene Fragestellungen, die die Lernenden nicht nur leicht nachvollziehen können, sondern für sie auch eine gewisse Relevanz haben. Da die Lernenden einer Klasse in allen verwendeten Materialien, also den Förder- und Arbeitsmaterialien sowie dem Schulbuch, an den selben Themen arbeiten, ist ein Austausch über das erlangte Wissen jederzeit möglich.
Viele Kolleginnen und Kollegen, die fachfremd unterrichten, finden es zudem sehr hilfreich, wenn es beispielsweise im Schulbuch zum Fach Biologie oder Chemie viele Aufgaben auf verschiedenen Niveaustufen gibt. Unterrichtsmaterialien zu den verschiedenen Niveaustufen sind über die neue Nawithek von Klett abrufbar. Dabei handelt es sich um einen Pool digitaler Medien, die über einen im Schulbuch befindlichen QR-Code direkt abgerufen werden können. Die digitalen Angebote ermöglichen auch einen eher auditiven Zugang zu Inhalten durch Hörtexte oder den visuellen Zugang durch Lernvideos. Beides können die Jugendlichen immer wieder im eigenen Tempo wiederholen. Nebenbei wird der Zugang zur Fachsprache trainiert.
Wie hat sich das didaktische Konzept solcher Materialien in den vergangenen Jahren verändert?
Die Materialien müssen den Anforderungen einer von hoher Diversität geprägten Lerngruppe gerecht werden. Das können sie nur, wenn sie unterschiedliche Lernzugänge, -methoden, -tempi und Handlungsprodukte berücksichtigen. Da sie digitaler geworden sind, können Lehrkräfte die Materialien leicht verändern und an ihre Lerngruppe anpassen. Die sprachlichen Anforderungen sind geringer geworden. Sprachlich sind die Texte – positiv ausgedrückt – entschlackt. Zentrale Begriffe (auch aus der Alltagssprache) werden außerdem in einem Glossar erklärt.

Ein typisches Förderblatt Biologie mit einfachen Texten
Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung des Förderunterrichts ein?
Die Entwicklung wird sich weiter in Richtung Selbstlernkonzepte bewegen. Man kann davon ausgehen, dass selbstgesteuertes Lernen in Zukunft noch wichtiger werden wird. Es wird vermutlich vermehrt darum gehen, dass Kinder und Jugendliche ihre Lernprozesse selbst überblicken, steuern, kontrollieren und dokumentieren können.
Digitale Inhalte werden jetzt weniger mit dem Ziel entwickelt, alle möglichen technischen Funktionen umzusetzen. Vielmehr steht bei ihrer Herstellung im Vordergrund, was inhaltlich einen Mehrwert bietet.
Es wird mehr didaktische Angebote geben, mit denen Jugendliche selbstständig digitale Inhalte entdecken können. Über die Nawithek kann man beispielsweise erfahren, wie der Weg der Nahrung durch den Kuhmagen verläuft. Dabei kann man verschiedene Ebenen zuschalten und somit die Komplexität der Infografik erhöhen oder vermindern. Schülerinnen und Schüler sollen wieder mehr entdeckend lernen. Sie sollen selbstständig lernen und entscheiden können, welchen Informationen sie vertrauen können und welchen nicht.
Text: Arnd Zickgraf
Dr. Claudia Nagode ist Lehrkraft für Sonderpädagogik mit den Schwerpunkten Sprache und Kommunikation sowie geistige Entwicklung. Sie hat die Fächer Deutsch, Technik und Chemie studiert. In ihrer Dissertation beschäftigte sich die Förderschullehrerin mit der Wahrnehmung von Behinderung durch Lehrkräfte, die in der Inklusion arbeiten. Dr. Nagode hat lange an Förderschulen gearbeitet und ist jetzt an einer inklusiven Gesamtschule in einem sozialen Brennpunkt tätig. Seit zehn Jahren ist sie zudem Autorin für den Ernst Klett Verlag.
