Klett-Themendienst Nr. 112 (3/2023)

Jede Stunde ein kleines Rollenspiel – der Französischlehrer und Referendar-Ausbilder Christopher Mischke setzt auf theaterpraktische Verfahren im Unterricht, um bei Schülern Hemmungen vor dem Sprechen abzubauen.

Sie setzen in Ihrem Unterricht theaterpraktische Verfahren ein. Was ist damit genau gemeint?

Es geht darum, jegliche Elemente der Theaterarbeit wie zum Beispiel den Einsatz von Mimik, Gestik, Bewegung oder die Rollenarbeit für den Unterricht nutzbar zu machen. Die damit verfolgten Ziele sind sehr vielfältig. Im Anfangsunterricht zum Beispiel können theaterpraktische Verfahren die Schüler dabei unterstützen, von Beginn an laut und deutlich zu sprechen und die Angst vor Fehlern zu verlieren. Die ungewohnte Aussprache und die fremden Laute im Französischen führen nämlich gerade bei Sprachanfängern oft dazu, dass sie leise und mit wenig Betonung reden, da sie oft sehr gehemmt sind. Oft wird nur stockend vom Blatt abgelesen. Manche sagen von allein erst mal gar nichts. Wer aber in den ersten zehn Minuten im Unterricht stumm bleibt, sagt häufig in der ganzen Stunde nichts.

Wie können Sie das ändern?

Zunächst dadurch, dass alle von Beginn an aktiv werden. Ein Beispiel aus der Klasse 6, in der mit dem Französischunterricht begonnen wird: Alle laufen im Raum umher. Auf ein Signal kommen immer zwei Kinder zusammen, die zufällig gerade nebeneinander stehen. Person A stellt sich vor und nennt ihren Namen mit französischer Aussprache. Person B versteht Person A schlecht, entgegnet gestenreich mit Unverständnis, fragt nach und Person A wiederholt ihren Namen, bis B ihn verstanden und wiederholt hat. Dann gehen die Schüler weiter und beim nächsten Signal wiederholt sich die Szene, diesmal mit anderen Paaren. Alle Schüler bewegen sich, alle sprechen, alle unterstreichen ihre Worte mimisch und alle üben das Stellen von Fragen mit Begriffen, die ich vorher eingeführt habe wie Pardon, Comment, Tu peux répéter, Quoi oder Hein. Wichtig ist, dass ich ihnen immer die Szene vorspiele. Dabei agiere ich mit starker Betonung, Mimik und Gestik, manchmal bewusst übertrieben – ich mache mich manchmal zum Affen. Das baut bei den Schülern Unsicherheit ab, enthemmt und motiviert sie.

Endet das nicht häufig im Chaos?

Eigentlich nicht – zumindest dann nicht, wenn man als Lehrkraft bestimmte Dinge beherzigt: Erstens müssen die gewünschten Schritte genau durchdacht sein. Zweitens muss die Arbeitsanweisung präzise gegeben und der Ablauf einmal vorgemacht werden. Dabei gilt: Je jünger die Schüler sind, desto mehr muss ich mit Gestik und Mimik arbeiten und zeigen, wie es geht. Und drittens: Wenn es nicht läuft wie gewünscht, einzelne Schüler nicht klarkommen oder andere Dinge tun als die eigentliche Aufgabe, dann greife ich steuernd ein.

Wie reagieren zurückhaltende Mädchen und Jungen auf so eine Unterrichtsmethode?

Im Grunde auch nicht anders als weniger zurückhaltende. Manche zeigen gerade beim theaterpraktischen Arbeiten eine ganz neue Seite, da sie in diesem Rahmen ja oftmals in einer Rolle – oder zumindest einer Art Rolle – agieren. Andere brauchen ein wenig Zeit, um sich an diese Form des Sprachunterrichts zu gewöhnen. Ich habe aber noch niemanden erlebt, der sich komplett gesperrt hätte. Es ist vielmehr fast immer so, dass die ruhigeren Kinder sich nach einer Weile mehr trauen, lauter und deutlicher sprechen und insgesamt viel selbstbewusster wirken. Das liegt womöglich auch daran, dass sie durch die schülerzentrierte Arbeitsform viel mehr sprechen als bei der Arbeit im Plenum, wo es ja meist Zwiegespräche zwischen der Lehrkraft und einzelnen Schülern sind. Fehler werden natürlich auch korrigiert. Ich gehe umher, höre zu, gebe Tipps, zunächst meist ohne den Sprachfluss zu unterbrechen und korrigiere dann in der Regel im Nachklapp. Aber was die Passung der theaterpädagogischen Verfahren für die verschiedenen Schülertypen angeht: Sie sind ja nur eine von vielen unterschiedlichen Herangehensweisen im Französischunterricht. Wie so oft ist es die richtige Mischung, die es macht.

Lassen sich auch Jugendliche in der Pubertät auf das Spielen von Szenen im Unterricht ein?

Ich arbeite so in fast jeder Stunde und in allen Klassenstufen, manchmal nur drei Minuten und manchmal länger, gerade zu Beginn einer Stunde. Es geht in allen Klassen wunderbar, auch in der Mittelstufe. Es gibt Lernende, die sprachlich nicht ganz so stark sind, aber durchaus schauspielerisch begabt. Diese können dann eine ganze andere Seite von sich zeigen, kommen dadurch in der Klasse in dieser Phase verstärkt zur Geltung und werden dadurch dann vielleicht sogar noch motiviert, sich fürs Französischlernen insgesamt zu engagieren. Insgesamt tragen Rollenspiele zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls in einer Gruppe bei und sie schaffen Abwechslung – besonders in einem Schulalltag, in dem Grammatik, Lexik und Phasen schriftlicher Übungsabriet eine gewichtige Rolle spielen. Doch diese Dinge sind überwiegend Mittel zum Zweck. Der eigentliche Zweck ist die Kommunikation in der Fremdsprache. Und im Rahmen theaterpraktischer Verfahren wird viel kommuniziert – von allen! Deshalb sind sie meines Erachtens auch für jeden Schüler sinnvoll.

Muss man als Lehrkraft ein schauspielerisches Talent haben?

Nein, das ist nicht nötig, man braucht auch keine eigene Erfahrung im Theaterspielen. Wichtig sind Offenheit und die Bereitschaft, eigene Hemmungen abzulegen. Und es ist von Vorteil, wenn man dahintersteht und es mit Überzeugung tut. In der Schule ist Theaterpädagogik im Fremdsprachenunterricht noch nicht so sehr verbreitet, da ist noch Luft nach oben. Im Französischstudium ist das leider bis heute eher kein Thema, zumindest ist mir keine systematische Schulung im Rahmen der universitären Ausbildung bekannt. In der Referendarausbildung sind theaterpraktische Verfahren ein Angebot, aber keine Pflicht. Das Interesse daran ist jedoch sehr groß, Referendare können in dem Kurs „Einführung in die theaterpädagogische Praxis“ eine Zusatzqualifikation erwerben. Das wird an unserem Seminar in Esslingen hauptsächlich von Sprachlern, Kunsterziehern oder Gesellschaftswissenschaftlern gemacht, am allermeisten aber von Deutschreferendaren gemacht, die später mal eine Theater-AG leiten wollen.

Mit Rollenspielen simulieren Sie nur die Realität. Regt sich da bei Schülern nicht manchmal Widerstand, weil sie nicht wissen, was das Ganze soll?
Natürlich wäre es einfacher, wenn wir im Unterricht immer einen Franzosen hätten, der kein Deutsch versteht und die Schüler von ihm nur etwas erfahren können, wenn sie mit ihm Französisch reden. Doch das ist nicht möglich, und das ist jedem klar. Im Fremdsprachenunterricht simulieren wir immer. Und den Franzosen, der kein Deutsch versteht, den simuliere dann eben ich als Lehrkraft. Bei den Anfängern zum Beispiel spreche ich in den ersten Stunden kein einziges Wort Deutsch, die nehmen mir den Franzosen tatsächlich problemlos ab. Erst wenn es ums Organisatorische und die Formalia geht, dann fliegt die Sache auf und ich muss aus der Simulation kurz aussteigen. Generell versuche ich, so gut wie immer in der Fremdsprache zu agieren. Das ist nicht einfach, es kostet vor allem am Anfang viel Zeit und erfordert Konsequenz, aber letztlich macht es sich mehr als bezahlt.

Interview: Joachim Göres

Kompakt
Bei vielen Schülern bestehen zu Beginn des Französisch-Unterrichts wegen der vielen fremden Laute große Hemmungen, etwas zu sagen. Nach den Erfahrungen von Christopher Mischke, Französischlehrer am Salier-Gymnasium Waiblingen und Referendarausbilder in Esslingen, können diese Hemmungen durch Rollenspiele abgebaut werden. Wichtig ist dabei, dass alle Schüler gleichzeitig zum Beispiel bei Partnerarbeiten zum Sprechen gebracht werden. Dadurch reden sie lauter und deutlicher, gerade bei zurückhaltenden Schülern wächst oft auch das Selbstbewusstsein.

Zur Person
Christopher Mischke ist Autor, Französischlehrer am Salier-Gymnasium Waiblingen und Bereichslehrer am Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Esslingen (Gymnasium). Neben der Ausbildung von Referendar:innen engagiert er sich auch in der Klett Fremdsprachenakademie für den Transfer neuester didaktischer Erkenntnisse in den Sprachenunterricht.

Buchtipp:
Theaterpraktische Methoden sind seit einigen Jahren auch Bestandteil in Lehrwerks-Aufgaben, wie etwa im neuen Französisch-Lehrwerk Découvertes 3 (ISBN: 978-3-12-624031-4).