Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Nervosität, Einschlafprobleme – Studien zeigen, dass sich die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in den letzten Jahren verschlechtert hat. Präventionsprogramme versuchen schon in der Grundschule, Kinder zum Gespräch über ihre Gefühle zu ermutigen. Das Programm „Psychisch fit in der Grundschule“ will Kindern Mut machen, wenn sie einmal traurig sind.
Projekttag in einer Grundschule im hohen Norden. Lisa Malitte vom Lübecker Verein „Die Brücke“ ist zusammen mit einer Kollegin für einen Vormittag in einer 3. Klasse, um dort mit den Mädchen und Jungen darüber zu sprechen, wie man psychische Probleme erkennen und lösen kann. Die Sozialarbeiterinnen haben große bunte Wimmelbilder mit vielen Alltagsszenen mitgebracht, auf denen Menschen ganz unterschiedliche Gefühle zeigen. Die Schülerinnen und Schüler sollen in kleinen Gruppen einzelne Bilder genauer unter die Lupe nehmen und überlegen, was in der jeweiligen Familie los ist. Zusätzlich bekommen sie so genannte Fallakten, in denen sich zum Beispiel Röntgenbilder oder Krankschreibungen befinden. Sie sollen ihre Vermutungen aufschreiben und sie den anderen Gruppen mitteilen. Ein Junge hat sich bei einem Skateboard-Unfall das Bein gebrochen. Einer Mutter fehlt die Kraft für die Hausarbeit, ihr Kind muss deswegen helfen. Ein Vater trinkt viel Alkohol, gerät mit seiner Frau in einen lauten Streit und der Sohn kann deswegen erst spät einschlafen. Keine einfachen Themen – zur Auflockerung gibt es immer wieder Bewegungsspiele, bei denen viel gelacht wird.
„In den Fällen geht es um Krankheiten“, sagt Malitte – im Gespräch finden die Mädchen und Jungen heraus, dass es vor allem um seelische Krankheiten geht: Depression, Sucht, Angststörung. „Kann man immer sehen, ob es jemandem schlecht geht?“, fragt Malitte. „Manchmal sind Leute so traurig, dass sie nicht weinen können“, sagt ein Mädchen. Es folgt eine Runde mit der Frage „Was bringt dich zum Weinen?“ Ein Junge antwortet spontan: „Wenn ich ohne Grund angeschrien werde.“
Auf dem Boden liegen bunt durcheinander viele Schilder mit Wörtern, die die Kinder zwei Oberbegriffen zuordnen sollen. Das fällt ihnen nicht schwer: Durchfall, Husten, Viren, Krebs, Grippe und Bakterien platzieren sie auf die eine Seite, auf die andere Seite legen sie Krise, Stress, Überforderung, Depression, Sucht. Malitte lobt sie und erklärt, was der Unterschied zwischen „physisch“ und „psychisch“ ist. Das verleitet einen Jungen zur Bemerkung „Du Psycho“, auf die ein Mädchen mit den Worten „Das ist eine Beleidigung“ reagiert. +
Was hilft gegen seelische Schmerzen?
Die Schülerinnen und Schüler öffnen einen kleinen roten Notfallkoffer und begutachten den Inhalt. Zum Vorschein kommen ein Desinfektionsspray, ein Kühlpack, Pflaster, Verbandszeug, Taschentücher, ein Kuscheltier. Die Kinder merken schnell: Die meisten Mittel sind dafür da, um etwas gegen körperliche Leiden zu tun – doch was hilft gegen seelische Schmerzen?
Die Kinder schreiben auf ein Plakat, was ihnen hilft, wenn sie traurig sind: Fußball spielen, Musik hören, Party machen, Augen schließen und tief durchatmen, Stopp sagen, wenn mich jemand ärgert. Einige würden mit ihrer Mutter oder ihrer Klassenlehrerin reden, andere würden sich Freunden anvertrauen. „Manche Probleme sind so groß, dass man Erwachsene und nicht Kinder ansprechen sollte“, meint ein Mädchen.
„So ein Projekttag ist wichtig, weil die Kinder merken, dass sie mit ihren Fragen und Sorgen nicht alleine sind“, sagt die Klassenlehrerin und ergänzt: „Einige Kinder können über ihre Gefühle frei sprechen, andere sind bei diesem Thema wie ein Eisklotz.“
Zu Hause gelten oft andere Regeln und Normen als in der Schule
„Wer ist mein Freund – das ist eine Frage, die viele Kinder bewegt“, sagt André Schak, seit drei Jahren Sozialarbeiter an einer Grundschule. Zu den Themen, mit denen Kinder sich häufiger an ihn wenden, gehören auch Streit in der Klasse und Probleme mit Eltern zum Beispiel nach einer Trennung. „Der Übergang von der Kita zur Schule ist für viele Kinder schwierig, denn es gibt in der Schule weniger Freiräume. Die Impulskontrolle müssen viele erst lernen“, sagt Schak und fügt hinzu: „Zudem gelten oft zu Hause andere Regeln und Normen als in der Schule, das bedeutet für Kinder einen Spagat.“ Schak hat feste Sprechzeiten und bietet gut besuchte Gruppen an, in denen Kinder spielen und Geschichten erfinden und dabei auch über Gefühle reden.
Ulf Stamm ist Schulsozialarbeiter an einem Gymnasium in Buchholz in der Nordheide, er hat zuvor schon an einer Förderschule, einer Grundschule und einer Berufsschule gearbeitet. „Die Themen sind ähnlich, es gibt überall Probleme, keine Schule ist perfekt“, sagt er. Wenn Stamm auf dem Pausenhof unterwegs ist, wird er oft angesprochen – bei Mädchen geht es eher um emotionale Konflikte in der Klasse, bei Jungen ist er manchmal als Ratgeber bei Streitigkeiten in der Pause gefragt. Ein Gespräch unter vier Augen suchen eher ältere Schülerinnen und Schüler, die sich hohem Leistungsdruck ausgesetzt fühlen, schlecht schlafen, über Bauchschmerzen klagen, keine Lust auf Schule mehr haben oder gerade ein Beziehungsdrama erleben. „Es geht um das individuelle Erleben, nicht um große Krisen. Das meiste ist gut zu bearbeiten, und wenn nötig, sind die meisten Eltern zu einem Gespräch bereit“, sagt Stamm. Er organisiert an seiner Schule für die achten Jahrgänge einen Projekttag mit dem Präventionsprogramm „Verrückt? Na und! Seelisch fit in der Schule“ des Vereins „Irrsinnig Menschlich“, das für die Klassenstufen 8 bis 13 entwickelt wurde.
Die psychische Gesundheit hat Einfluss auf das Bildungsergebnis
Nach Angaben des Vereins wachsen in Deutschland drei bis vier Millionen Kinder und Jugendliche mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil auf, wodurch das Risiko steigt, selber psychisch zu erkranken. Zudem habe sich durch die Coronapandemie die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen erhöht. „Die Ergebnisse der HBSC-Studie verschlechtern sich in den letzten Jahren“, sagt Manuela Richter-Werling, Gründerin von „Irrsinnig Menschlich“.
In Deutschland wird seit 2013 im Rahmen der internationalen HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged-Children) das Gesundheits- und Sozialverhalten von Schülerinnen und Schülern zwischen 11 und 15 Jahren erforscht. Dabei wird auch die psychische Gesundheit (Stress, Einsamkeit, psychosomatische Beschwerden) und das schulische Umfeld (Klassenklima, schulische Belastung) untersucht. Nach den aktuellen Daten klagen mindestens einmal die Woche 12 Prozent der Befragten über Bauchschmerzen, 14 Prozent über Schwindel, 16 Prozent über Rückenschmerzen, 18 Prozent über Kopfschmerzen, 20 Prozent über Niedergeschlagenheit, 22 Prozent über Nervosität und 32 Prozent über Einschlafprobleme.
Jede zweite Schule nutzt keine Angebote zur psychischen Gesundheitsförderung
Kevin Dadaczynski, Professor für Gesundheitserziehung an der Uni Potsdam und Leiter der HBSC-Studie in Deutschland, betont: „Die psychische Gesundheit hat Einfluss auf das Bildungsergebnis.“ Sein Fazit: „Die Schulleitung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Jede zweite Schule nutzt keine Angebote zur psychischen Gesundheitsförderung. Und wo solche Angebote angenommen werden, dürfen sie keine Eintagsfliegen bleiben, denn sonst bricht alles schnell wieder zusammen.“
Dadaczynski sprach auf einer Tagung der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen, auf der weitere Initiativen zur Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ihre Programme vorstellten: Netzwerk traumasensible Schulen, Kidstime, Mental Health Coaches, Kopfsachen und MindMatters.
Text: Joachim Göres
