Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte werden an deutschen Schulen langsam mehr. Sie sind oft Ansprechpartner für Kinder und Eltern nichtdeutscher Herkunft wie auch für ihre Kollegen. In Netzwerken für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund können sich Lehrerinnen und Lehrer austauschen.
2010 wurde in Niedersachsen das Migranetz gegründet, ein Forum für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Hintergrund war das schlechte Abschneiden von Schülerinnen und Schüler in Deutschland beim Pisa-Test ein Jahr zuvor. Damals hatten 26 Prozent der 15-Jährigen einen Migrationshintergrund, vor allem Jugendliche mit türkischer Herkunft schnitten bei der Lesekompetenz deutlich unter dem Durchschnitt ab. Stärker als zuvor wurde diskutiert, wie man Kinder und Jugendliche mit einer anderen Muttersprache als Deutsch besser fördern kann.
„Wir hatten damals bei der Gründung von Migranetz mehrere Ziele“, erinnert sich Claudia Schanz, ehemalige Referatsleiterin im niedersächsischen Kultusministerium. Mehrsprachigkeit sollte stärker als Potenzial gewürdigt werden, die wenigen migrantischen Lehrkräfte sollten für den bei Kindern und Eltern mit Migrationsgeschichte eher unbeliebten Lehrerberuf als positives Vorbild dienen, Lehramtsstudierende und angehende Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte sollten mehr unterstützt werden, in den Schulen sollten sie stärker für Kinder und Jugendliche wie auch für Kollegen als Ansprechpartner zum Beispiel bei kulturellen Konflikten sichtbar sein.
Ich bin heute Seelsorger und Brückenbauer an meiner Schule
Und heute? Döndü Kara ist in Papenburg zweisprachig Deutsch und Türkisch aufgewachsen. An ihrer Schule gab es keine Lehrkraft mit einer anderen Muttersprache als Deutsch. „Ich habe damals als Schülerin an einem mehrtägigen Workshop von Migranetz teilgenommen, in dem der Lehrerberuf vorgestellt wurde. Das hat meinen Berufswunsch geprägt. Ich bin heute Seelsorger und Brückenbauer an meiner Schule“, sagt die 31-Jährige, die Mathematik, Wirtschaft sowie Deutsch als Zweitsprache an einer Haupt- und Realschule in Ostrhauderfehn unterrichtet. Sie zählt rund 400 Schülerinnen und Schüler, zehn Prozent davon sind neu nach Deutschland zugewandert, viele weitere haben ausländische Wurzeln. „Ich rede im Unterricht über meine Geschichte, leite eine AG türkische Sprache und Kultur sowie einen Wahlpflichtkurs Fremde Länder und Kulturen. Das trägt dazu bei, dass Kinder bei mir ihr Herz ausschütten“, sagt Kara. Zu ihr kommt das Mädchen, das sich nach langem Überlegen traut nachzufragen, ob sie sich zu Ramadan beurlauben lassen kann. Es kommt der Junge, der wegen seiner Homosexualität zu Hause Probleme hat. Und es kommt auch der Kollege, der durch einen Schüler von den Problemen seiner syrischen Familie mit dem Jugendamt erfahren hat und Kara um Vermittlung bittet, weil sie sich mit den Familienstrukturen von Zugewanderten besser auskennt. „Eine Schülerin meinte neulich: ‚Sie sind wie eine Mutter‘“, erzählt Kara.
Einflüsse aus der deutschen und der Herkunftskultur unter einen Hut bringen
Osman Kösen war einst Lehrer an einer Dorfschule und arbeitet heute im niedersächsischen Kultusministerium. Er berichtet von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, die Kösen erstaunt auf seinen Beruf angesprochen haben: „Sie sind doch Kurde, sprechen aber wie ein Deutscher. Kann man denn als Kurde in Deutschland Lehrer werden?“ Kösen: „Ich habe immer wieder erlebt, dass die Schüler glaubten, sich entscheiden zu müssen. Man ist in ihrem Denken entweder Deutscher oder Ausländer. Wir müssen zeigen, dass man beides sein kann und Einflüsse aus der deutschen und der Herkunftskultur unter einen Hut bringen kann.“ Kösen sieht sich auch gegenüber aus Deutschland stammenden Lehrkräften als Brückenbauer, der manchmal gegen Vorurteile ankämpfen muss. „Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich als Sportlehrer auch Schwimmen unterrichten muss. Er konnte sich wohl nicht vorstellen, dass jemand wie ich aufgrund meiner Herkunft schwimmen kann.“ Kösens Fazit: „Wir Lehrer mit Migrationshintergrund haben uns unsere Rolle an deutschen Schulen nicht ausgesucht. Man ist Erklärer, wird auf Erdogan angesprochen, ist Dolmetscher, alles zusätzlich zum normalen Berufsalltag.“
Nicht die ethnische, sondern die soziale Herkunft entscheidet über den schulischen Erfolg
Besim Enes Bicaks Eltern stammen aus der Türkei, aufgewachsen ist der 29-Jährige in Bückeburg. Als eine von drei Lehrkräften mit Migrationshintergrund am Theodor-Heuss-Gymnasium Wolfenbüttel unterrichtet Bicak die Fächer Chemie und Darstellendes Spiel. Im insgesamt 68 Lehrkräfte umfassenden Kollegium gibt es häufiger kontroverse Diskussionen, an denen sich Bicak beteiligt. „Bei einigen fehlt das Verständnis dafür, dass Religion für viele Muslime ganz wichtig ist. Das zeigt sich zum Beispiel zu Ramadan, wenn Schülerinnen und Schüler tagsüber fasten“, sagt Bicak und fügt hinzu: „Ich versuche dann klarzumachen, dass das Fasten keine Bürde, sondern eine Freude ist und gestalte auch interkulturelle Abende mit Fastenbrechen.“ Er schätzt den Anteil der Schülerschaft mit Migrationshintergrund an seiner Schule auf maximal 25 Prozent und betont: „Nicht die ethnische, sondern die soziale Herkunft entscheidet über den schulischen Erfolg. Die Chancengleichheit ist ein großes Thema, dafür muss mehr getan werden.“
Mit dem Thema Bildungserfolg beschäftigt sich auch das Bundesnetzwerk der Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte. Es engagiert sich für mehr Leseförderung, Partizipation, interkulturelle Schulentwicklung und Beratung und betont die Bedeutung der Elternarbeit. „Gerade in Gesprächen mit Eltern nichtdeutscher Muttersprache haben Lehrkräfte oftmals Schwierigkeiten. Man fühlt sich nicht verstanden, nicht ernst genommen oder hat das Gefühl, dass man mit ihnen nicht zusammenarbeiten kann“, heißt es auf der Homepage www.lemi-ev.de. Auch hier sehen sich Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte aufgrund ihrer Kenntnis des Schulsystems der Herkunftsregion und der Familienstrukturen als Brückenbauer.
Kompakt
In Netzwerken für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund können sich Lehrerinnen und Lehrer austauschen. Sie sind nicht selten für Kinder und Jugendliche mit nicht-deutscher Herkunft in der Schule Vorbild und Ansprechpartner bei Fragen und Problemen. Auch im Lehrerzimmer ist ihr Rat zum Beispiel bei interkulturellen Konflikten gefragt. Sie versuchen sich zudem als Brückenbauer zu migrantischen Eltern, mit denen sich der Kontakt nicht immer einfach gestaltet.
Text: Joachim Göres
