Wie gutes Lernen gelingen kann: Die Laborschule Bielefeld probiert als staatliche Versuchsschule seit mehr als 50 Jahren immer wieder etwas Neues aus. Sie ist eine Einrichtung der Universität Bielefeld und beeinflusst durch ihre Arbeit die hiesige Schullandschaft.
Die 1974 gegründete Laborschule Bielefeld ist die älteste von rund einem Dutzend staatlichen Versuchsschulen in Deutschland. Aufgabe ist es, neue Formen des Lehrens und Lernens auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Dafür werden eigene Curricula und Unterrichtseinheiten entwickelt. Das Lernen in der bis zur 10. Klasse laufenden Ganztagsschule unterscheidet sich in vielen Punkten vom Alltag in anderen Schulen.
Pädagogische Innovationen
Das fängt mit grundlegenden Strukturen an. In der Laborschule werden die Kinder bereits mit fünf Jahren eingeschult, sie bleiben bis zur 10. Klasse zusammen – der Wechsel nach der Grundschulzeit auf eine weiterführende Schule entfällt. Kinder unterschiedlichen Alters lernen gemeinsam, in den Jahrgängen 0-2, 3-5, 5-7 und 8-10. Das Schulgebäude ist als Großraum mit zahlreichen Nischen angelegt, Klassenräume gibt es nicht. Die rund 700 Schülerinnen und Schüler arbeiten überwiegend in Kleingruppen und können dabei selber häufig Schwerpunkte gemäß ihren Interessen setzen. Einen festen Stundenplan gibt es anfangs nicht, ein individueller mehrseitiger Bericht über den Lernstand der Kinder ersetzt weitgehend Zensuren. Erst nach der 9. Klasse bekommen sie ein Notenzeugnis.
Jeder lernt im eigenen Tempo
Wie sieht die Praxis aus? Die beiden Lehrerinnen Marie Spreter und Claudia Bernat versammeln sich nach einer Pause um 11 Uhr mit ihren Kindern aus dem Jahrgang 0-2 im Kreis und stellen die Angebote für die Zeit bis zur Mittagspause vor. Bis zu zehn Kinder können mit einem Sozialarbeiter Entspannungsübungen und Spiele machen. Andere Mädchen und Jungen können Filzkugeln basteln, in der Bauecke spielen oder selbstständig mit dem Tablet Matheaufgaben lösen. Spreter bietet ein Diktat an. Die Kinder melden sich, die Lehrerinnen wählen aus, wer zu welcher Station geht.
Spreter setzt sich mit sieben Kindern an Tischen zum Teamdiktat – Ziel ist es, dass sie nicht mehr als sieben Fehler machen. Dann sollen sie Sätze wie „Viele Fliegen fliegen um den Honig“ möglichst korrekt zu Papier bringen. Abgucken ist erlaubt. Nach jedem Satz wird diskutiert, ob die Wörter zum Beispiel mit langem oder kurzem i bzw. groß oder klein geschrieben werden. Spreter sagt nicht, was richtig oder falsch ist, sondern gibt Hinweise zur Aussprache wie „Heißt es viele oder ville?“ Danach kontrollieren die Kinder sich gegenseitig, die Kleineren lernen oft von den Größeren. Am Ende schaut sich Spreter die Hefte an und ist zufrieden – es wurden weniger Fehler gemacht als erlaubt, dafür gibt es für die Schülerinnen und Schüler eine kleine Belohnung.
Schulentwicklung beginnt im Kleinen
Derweil sitzt Bernat am Nebentisch und bietet ihre Hilfe an, wenn Mädchen und Jungen mit Fragen zu den Matheaufgaben zu ihr kommen. Zudem betreut sie Kinder, die für den nahenden Elterntag sich selber einschätzen und dafür ihre Stärken und Schwächen aufschreiben sollen. Dafür gibt es die Rubriken „Das sind meine Superkräfte“, „Das möchte ich verbessern“, „Das könnte mir helfen“ und „Das ist mein Ziel“. Ein Junge hat selbstkritisch festgestellt, dass er besser zuhören und weniger Quatsch machen möchte. Bernat lobt seine Leistungen in Mathe und ermutigt ihn, sich bei der Groß- und Kleinschreibung noch zu verbessern. „Diese Selbsteinschätzung machen wir zweimal im Jahr. Davor führen wir viele Gespräche. Die Kinder können sich gut einschätzen“, sagt Bernat. In den verschiedenen Gruppen geht es meist konzentriert zu, nur selten fordert Bernat zu weniger Lautstärke auf. Manche Kinder brauchen nur zwei Jahre für die, bis sie in die Stufe 3-5 kommen, die große Mehrheit schafft es nach drei Jahren. Sitzenbleiben gibt es nicht.
Ab der 6. Klasse ist die Jahrgangsmischung dann eher die Ausnahme. „Man ist fast nur noch mit Gleichaltrigen zusammen, das ist eine Umstellung und anstrengend“, erinnert sich Schülersprecherin Franziska Beintmann. Auch von den ständigen Selbsteinschätzungen zeigt sie sich nicht begeistert. „Das ist nervig, da haben nur wenige Lust drauf. Aber es ist gut, über sich nachzudenken und sich darauf einzulassen“, sagt sie.
Vorbereitung auf den Start ins Berufsleben
Im 7. Schuljahr machen alle Schülerinnen und Schüler ein mehrtägiges Kita-Praktikum und eine zweiwöchige Sportreise, wobei sie lernen, sich selbst zu versorgen. In den Klassen 8, 9 und 10 machen sie dann jeweils mehrwöchige Berufspraktika. Außerdem fertigen sie in jeder dieser Klassen Jahresarbeiten an, die sie öffentlich präsentieren. Lehrer Dennis Krüger betreut eine 9. Klasse gerade in dem Forschungsprojekt „Unser Erbe“. Innerhalb von zwei Wochen sollen die Jugendlichen ein selbstgewähltes Thema bearbeiten. Einige haben bereits ihr Thema gefunden und sitzen am Computer für die Recherche nach Informationen, andere sind noch unschlüssig und suchen Rat bei Krüger. Ein Junge wollte etwas zu Polizeigewalt schreiben, nach einiger Überlegung scheint ihm das Thema aber zu umfassend zu sein. „Ich glaube, ich analysiere lieber einen Song von Danger Dan“, sagt er und wird von seinem Lehrer mit den Worten „Super, mach das!“ in seinen Absichten bestätigt.
„Schüler sind Versuchskaninchen“
Fächerverbindendes Lernen ist an der Laborschule der Normalfall – statt in Fächern (zum Beispiel Biologie, Physik, Chemie, Ökologie) gliedern sich die Lernbereiche in Erfahrungsbereiche (Naturwissenschaft als Umgang mit Sachen: beobachtend, messend, experimentierend). Krüger gehört zu den Lehrkräften, die an der Laborschule etwas Neues ausprobieren: Er verbindet in einem zweijährigen Modellversuch mit Englisch, Deutsch, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften verschiedene Erfahrungsbereiche in seinem Unterricht. Das Ganze wird von der Uni Bielefeld wissenschaftlich begleitet – ein Beispiel für die Verzahnung von pädagogischer Praxis und Theorie mit dem Ziel, Modelle zu dokumentieren und bekannter zu machen.
Kleingruppen statt Frontalunterricht
„Die Schülerinnen und Schüler sind Versuchskaninchen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein Modellprojekt mal in die Hose gegangen ist“, sagt Schulleiter Rainer Devantié. Er spricht von einem großen Interesse auf Seiten der Eltern („Wir haben viel mehr Anmeldungen als Plätze bei der Einschulung und eine Warteliste mit 160 älteren Kindern, falls mal später ein Platz frei wird“), vom guten Abschneiden seiner Schülerinnen und Schüler bei Absolventenstudien über den Bildungsverlauf nach der 10. Klasse („auffällig ist, dass unsere Jugendlichen selbstständiger sind“) und davon, dass andere Schulen von den Erfahrungen der Laborschule profitieren.
So hospitieren viele Lehrkräfte an der Laborschule, um den Alltag dort kennenzulernen. Seit 2013 gibt es in Nordrhein-Westfalen fünf so genannte staatliche Primusschulen, die nach dem Bielefelder Vorbild bis Klasse 8 auf Noten verzichten und Kinder von Klasse 1 bis 10 unterrichten. Und Devantié freut sich, dass das Kollegium bis heute hinter dem Großraumkonzept steht: „Es gibt einige abgetrennte Fachräume, das ist wichtig. Aber ansonsten haben sich die großen Räume bewährt. Die verhindern Frontalunterricht, denn das wäre viel zu laut.“
Text: Joachim Göres
Kompakt Integriertes Vorschuljahr, altersgemischte Gruppen bis Klasse 10, Lernen in Erfahrungsbereichen, Angebotsdifferenzierung, Berufspraktika, Schulprojektwochen, kein Sitzenbleiben – einige Elemente, mit denen sich die Laborschule Bielefeld in den letzten 50 Jahren als staatliche Versuchsschule einen Namen gemacht hat. Manche Elemente finden sich heute auch an vielen staatlichen Regelschulen, andere gelten nach wie vor als exotisch. Die Nachfrage nach dieser besonderen Form des Lernens bei Eltern und Schülern ist angesichts der Anmeldezahlen der Laborschule jedenfalls groß.
