Gemeinschaftlicher Sportunterricht in weiterführenden Schulen ist in vielen Bundesländern üblich. Kritiker bemängeln, dass viele Mädchen durch die Dominanz der Ballsportarten benachteiligt werden.

Kleine Umfrage unter Bekannten, die in Niedersachsen an weiterführenden Schulen als Lehrkräfte arbeiten: Werden im Fach Sport Mädchen und Jungen gemeinsam oder getrennt unterrichtet? Der Fragesteller erntet erstaunte Blicke. Natürlich finde der Sportunterricht an der eigenen Schule zusammen statt. Man wisse auch von keiner Schule, in der dies anders gehandhabt werde. Thema damit erledigt? Nicht ganz. Veröffentlichungen zeigen, dass es je nach Bundesland deutliche Unterschiede gibt, was die rechtlichen Vorgaben und zum Teil auch die Praxis einzelner Schulen betrifft.

Dabei lohnt sich zunächst ein Blick in die Vergangenheit: Bis in die 60er Jahren war getrennter Sportunterricht in der Bundesrepublik die Regel. Carl Diem, ab den 20er Jahren wichtiger Sportfunktionär und nach dem Krieg Rektor an der Deutschen Sporthochschule Köln, begründet dies 1960 so: „Das Üben soll im allgemeinen nach Geschlechtern getrennt sein, nicht aus Angst und Muckertum, sondern damit sich in den getrennten Übungen das Männliche auf der einen Seite und das Weibliche auf der anderen Seite voll entwickelt.“ Seit den 70er Jahren änderte sich das langsam, um einer geschlechterstereotypen Sozialisation entgegenzuwirken.

Geteilte Meinung

Sebastian Hoven hat für seine 2017 veröffentlichte Dissertation „Geschlechtergerechtigkeit im koedukativen Sportunterricht“ 345 Sportlehrerinnen und Sportlehrer aus Gymnasien in Berlin und Nordrhein-Westfalen befragt. Ergebnis: 48 Prozent bevorzugen koedukativen, 35 Prozent monoedukativen Sportunterricht. In beiden Bundesländern ist Geschlechter übergreifender Sportunterricht üblich – laut Hoven allerdings eher aus organisatorischen als aus pädagogischen Gründen. Für einen gemeinsamen Unterricht sei Genderkompetenz bei den Lehrkräften nötig. Dazu gehöre im Blick zu haben, ob es zu ungewollter Körpernähe kommt und ob sich jemand unwohl fühlt.

Heterogenität als Chance

In Berlin können Schulen selbstständig entscheiden, ob nach Geschlechtern getrennt unterrichtet werden soll. Die Bergius-Schule, eine Integrierte Gesamtschule in Tempelhof-Schöneberg mit einem hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, setzt auf getrennten Sportunterricht, um Muslima die Teilnahme zu erleichtern. Rosanna Leistikow, Sportlehrerin an einer Düsseldorfer Gesamtschule mit ebenfalls vielen migrantischen Kindern und Jugendlichen, hält dies an ihrer Schule nicht für nötig. „Sie nehmen bei uns ohne Probleme am gemeinsamen Sport teil. Mitunter tragen Mädchen beim Schwimmen einen Burkini“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich bin für ko-eduaktiven Unterricht, denn die Heterogenität ist eine Chance, über die man miteinander ins Gespräch über Rollenbilder kommen kann.“ Damit vertritt sie auch die Position des Deutschen Sportlehrerverbandes, dessen Vizepräsidentin sie ist. Allerdings gesteht Leistikow ein, dass die Reflexion im Sportunterricht schwierig sei: „In der Sekundarstufe I haben die Jugendlichen einen großen Bewegungsdrang und weniger Interesse an Theorie.“

Der gemeinsame Unterricht schließe auch nicht die kurzzeitige Trennung nach Geschlechtern aus. „Mädchen möchten mitunter bestimmte Übungen alleine machen, zum Beispiel für den Hürdenlauf oder den Hochsprung. Diesen Schonraum bekommen sie“, sagt Leistikow. Sie widerspricht aus eigener Erfahrung Aussagen, wonach es unter den Mädchen mehr Sportverweigerer als unter den Jungen gibt.

Trennung von Mädchen und Jungen

In vielen Bundesländern wird bis heute im Sportunterricht der Sekundarstufe I auf die Trennung von Mädchen und Jungen gesetzt. Manfred Johnsen hat 2018 für seine erste Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien die Vorgaben der jeweiligen Kultusministerien untersucht. Danach sehen die Richtlinien in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt keine Koedukation vor. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Thüringen gilt sie nur bis zur 7. Klasse. In Bayern soll ab der 5. Klasse Sport getrennt unterrichtet werden – und zwar Mädchen von Lehrerinnen und Jungen von Lehrern.

Umfrage: Leistungssportlerinnen mit schwachen Schulnoten im Fach Sport

Während hinter dieser Trennung vielfach ein traditionelles Rollenverständnis steht, gibt es an der Praxis des koedukativen Sportunterrichts auch Kritik von denjenigen, die gemeinsamen Unterricht grundsätzlich befürworten. Sie bemängeln die zu große Orientierung an den Wünschen der Jungen, bei denen konkurrenzorientierte Ballspiele ganz oben in der Gunst stehen, während andere Sportarten zu kurz kommen. Darunter leiden Mädchen, die bei Umfragen unter anderem Badminton und Inliner bzw. Rollschuhfahren als ihre Favoriten nennen. Auch Tanzen ist bei Mädchen beliebt – doch selbst Mädchen, die diesen Sport mindestens dreimal die Woche leistungsmäßig außerhalb der Schule ausüben, ernten für diesen sportlichen Einsatz von Lehrkräften und Mitschülern abfällige Kommentare. Das sagen 18 von 28 befragten tänzerisch aktiven Schülerinnen der Sekundarstufe I in einer Studie, die in der Zeitschrift „Sportunterricht“ (Heft 7/2024) veröffentlicht wurde. Obwohl sie Leistungssport betreiben, liegen ihre Sportnoten auf einem Niveau mit sportschwachen Schülerinnen.

Die Pädagogen Miriam Jordis Kuhrs, Uta Czyrnick-Leber und Dennis Batdorf ziehen im Artikel folgendes Fazit: „Wie für die von Hunger (2000) interviewten Schülerinnen als auch für die von Burrmann und Mutz (2016) befragten Schülerinnen mit einem türkischen Migrationshintergrund, stellt sich auch für die spezifische Gruppe der leistungsorientierten Tänzerinnen ein koedukativer Sportunterricht als nachteilig heraus und dürfte die Diskussion über einen zumindest zwischenzeitlichen monoedukativen Sportunterricht in der Sekundarstufe I erneut aufleben lassen.“

Text: Joachim Göres

Kompakt
Gemeinsamer Sportunterricht von Mädchen und Jungen ist in der Grundschule üblich. Das ändert sich in der Sekundarstufe I in einigen südlichen und östlichen Bundesländern. Der Deutsche Sportlehrerverband setzt sich grundsätzlich für einen koedukativen Unterricht ein, um traditionelle Geschlechterrollen nicht zu verfestigen. In verschiedenen Studien wird kritisiert, dass geschlechtergemischter Unterricht Mädchen benachteilige – unter anderem, weil der Sportunterricht sich vor allem an den Wünschen vieler Jungen nach konkurrenzorientierten Ballspielen orientiere und die sportlichen Bedürfnisse vieler Mädchen zu kurz kommen bzw. sogar negativ kommentiert werden.