Mit zusätzlichen Schulstunden in den Klassen 1 und 2 will das Land die basalen sprachlichen Kompetenzen von Kindern unterstützen. Der Bedarf ist groß, die Nachfrage nach Fortbildungen zu Methoden wie dem Leseband auch. 

68 Prozent der Grundschullehrkräfte geben in der aktuellen Klett-Umfrage an, dass sich die Kompetenzen im Lesen in den vorigen fünf Jahren verschlechtert haben. Jede fünfte Lehrkraft sieht sogar eine starke Verschlechterung. Yvonne Kalwa von der Akademie für Leseförderung Niedersachsen (ALF) kann diese Zahlen greifbar machen. „Noch vor wenigen Jahren konnten viele Erstklässler bis Weihnachten einigermaßen lesen“, sagt die erfahrene Grundschullehrerin. „Das ist jetzt nicht mehr so.“

Seit 2013 ist Kalwa im Schuldienst, seit 2026 verstärkt sie die ALF. Dort ist sie Ansprechperson für den Schwerpunkt Leseförderung in der Grundschule. Die Akademie, hinter der das Kultus- sowie das Wissenschaftsministerium und die Stiftung Lesen stehen, bietet unter anderem Fortbildungen für Lehrkräfte an.

Die Nachfrage ist groß. Auch, weil Niedersachsens Kultusministerium 2024 die „Sichere Basis“ eingeführt hat, um sprachliche und mathematische Kompetenzen zu fördern. Dazu wird die Zahl der Unterrichtsstunden bis zum Schuljahr 2026/2027 um insgesamt drei Stunden erhöht – zwei Stunden in Jahrgang 1, eine Stunde in Jahrgang 2.

Zu den basalen sprachlichen Kompetenzen zählen Leseflüssigkeit und -strategien. Hier docken die ALF-Angebote an. 2025 waren Fortbildungen zur „Sicheren Basis“ am gefragtesten. Dazu gehört etwa das automatische Erfassen von Wörtern und Wortteilen oder die Förderung phonologischer Bewusstheit.

Arbeit mit Reimen, Silben und Anlauten

Phonologische Bewusstheit bedeutet, dass Kinder die Klangstruktur gesprochener Sprache erkennen. Diese Vorläuferfähigkeit ist wichtig für den Schriftspracherwerb. „Es geht um die Arbeit mit Reimen, Silben oder Anlauten“, erklärt Kalwa. Eine Übung ist etwa, ein paar Gegenstände wie Flasche, Mütze oder eine Kiste in der Klasse aufzustellen. Die Lehrkraft sagt dann „Tasche“ – und ein Kind muss sagen, welcher der Gegenstände sich darauf reimt.

„In meinen ersten Klassen habe ich zuletzt viele Wochen für derartige Übungen verwendet, bevor es um Buchstaben gehen konnte“, schildert Kalwa. Denn aus den Kitas und Elternhäusern brachten die Kinder die Vorläuferfähigkeit zu selten mit.

Stärker fördern will Niedersachsen auch die Leseflüssigkeit. Denn von dem, was man liest, sollte man 95 Prozent flüssig lesen, um es auch verstehen zu können, betont Kalwa. Ein Training des „Sichtwortschatzes“ kann dabei helfen. Er umfasst alle Wörter, deren Schriftbild so im Gehirn gespeichert ist, dass Lesende sie auf Anhieb erkennen und nicht Buchstabe für Buchstabe erlesen müssen. Zu diesem Wortschatz sollten die 100 häufigsten Wörter gehören – wie „und“, „die“ oder „man“. Zur Förderung gibt es zahlreiche spielerische Übungen.

Die Leseband-Methode setzt sich bundesweit immer stärker durch

Eine Methode, die ebenfalls die Leseflüssigkeit fördert, ist das Leseband. Die Nachfrage nach Fortbildungen dazu ist bei der Akademie 2026 bislang am größten. Beim Leseband handelt es sich um eine verbindliche, tägliche Lesezeit an Schulen von etwa 20 Minuten – zusätzlich zum regulären Deutschunterricht. Verschiedene Lautleseverfahren kommen dabei zum Einsatz.

Zuerst hat Hamburg den Ansatz von 2015 bis 2018 systematisch umgesetzt. Es zeigten sich signifikante Verbesserungen in der Leseflüssigkeit und beim Leseverstehen der Kinder. Das Modell findet immer mehr Verbreitung. Mittlerweile kommt das Leseband in zwölf Bundesländern zum Einsatz.

Wesentlicher Treiber für die Erfolgsgeschichte war die 2012 vereinbarte Bund-Länder Initiative „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS), die von 2020 bis 2025 als BiSS-Transfer weiterlief. Die entstandenen Produkte, Angebote und Formate werden bis 2027 in der BiSS-Leitstelle fortgeführt und koordiniert.

BiSS setzt vor allem auf den wissenschaftsbasierten Transfer von Konzepten zur Sprachbildung, Lese- und Schreibförderung in die Schulen. In den Ländern haben sich dazu Netzwerke aus Grund- und weiterführenden Schulen gebildet. Schulübergreifend arbeiten Lehrkräfte in Verbünden, um ein Konzept zur Sprachbildung umzusetzen. Wissenschaftliche Partner, Bibliotheken oder Landesinstitute begleiten sie.

Die Landkarte zu BiSS-Transfer zeigt, dass vor allem Baden-Württemberg beim Schwerpunkt Leseförderung auf die Initiative setzt. 21 Verbünde mit mehr als 2.000 Schulen sind im Land entstanden. Danach folgt mit Abstand Niedersachsen mit neun Verbünden, in denen fast 140 Grund- und weiterführende Schulen zusammenarbeiten.

Auch durch den BiSS-Rückenwind sind Lesebänder bundesweit inzwischen an hunderten Schulen verankert. Ihre Wirkung steht und fällt aber damit, dass sie methodisch richtig eingesetzt werden, sagt Yvonne Kalwa. Und, dass sie nicht nur die Jahrgänge 1 und 2 durchziehen – sondern die gesamte Grundschulzeit.

Text: Holger Schleper

Aus: Basiskompetenzen im Wandel, Einblicke und Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis, Klett Bildungsdossier 6/2026