Eine bundesweite Umfrage unter 4.000 Lehrkräften zeigt: Die Kompetenzen der Lernenden gehen weiter massiv zurück. Betroffen sind nicht nur Deutsch und Mathematik, sondern auch Motivation, Konzentration, Selbstregulation und motorische Fähigkeiten. Die Befragung des Ernst Klett Verlags (Februar 2026) macht deutlich, wie stark diese Entwicklung den Unterrichtsalltag bereits verändert hat – aber auch, was helfen würde.

Das Ziel ist hochgesteckt: An den Schulen, die am Startchancen-Programm teilnehmen, soll sich die Zahl der Lernenden, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik verfehlen, bis zum Ende der Programmlaufzeit 2034 halbieren. Mit einem Volumen von insgesamt 20 Milliarden Euro und einer Laufzeit von zehn Jahren ist es das bundesweit bislang größte Bildungsprogramm. Dieser Superlativ weckt auch die Hoffnung, dass das Programm über die beteiligten Schulen hinaus insgesamt zu einer Verbesserung der Schülerleistungen führt.

Soweit die politische Zielsetzung. Aber wie sieht es an der Basis aus? Rechnen Lehrkräfte tatsächlich bald mit einer Trendwende? Das wollte der Ernst Klett Verlag wissen und hat daher im Februar 2026 eine Online-Umfrage gestartet, an der rund 4.000 Lehrkräfte aller allgemeinbildenden Schularten der Primarstufe und Sekundarstufe I teilgenommen haben. Ihre klare Antwort lautet: Nein. Die Trendwende bleibt demnach vorerst aus.

Befragt wurden die Teilnehmenden vor allem danach,

  • wie sich die Basiskompetenzen in den vergangenen fünf Jahren entwickelt haben,
  • welche Faktoren für diese Entwicklung eine Rolle spielen,
  • wie sich das auf den Unterricht auswirkt
  • und welche Lösungsansätze sie sehen.

Basiskompetenzen sind mehr als Lesen, Schreiben, Rechnen

Die allermeisten Lehrkräfte verstehen unter dem Begriff Basiskompetenzen besonders Lesen, Schreiben, Rechnen und Sprachkompetenz. An Grundschulen mehr als an anderen Schularten zählen Lehrende auch sozial-emotionale, methodische, personale Kompetenzen wie Lernbereitschaft oder Selbstständigkeit und motorische Fähigkeiten dazu.

Was die Entwicklung der Basiskompetenzen in den vergangenen fünf Jahren anbelangt, zeigt der Daumen klar nach unten. Lehrende beobachten insgesamt einen starken Rückgang. Dabei ist etwa jede zweite der befragten Lehrkräfte seit mehr als 20 Jahren im Schuldienst – hat also die Entwicklung der Lernleistungen über einen langen Zeitraum im Blick.

Basiskompetenzen verschlechtert

Besonders an Grundschulen lässt Sprachkompetenz nach

Auffällig ist, dass Lehrkräfte an Grundschulen und an nicht-gymnasialen Schulen der Sekundarstufe I einen besonders starken Rückgang beobachten. Während 19 Prozent aller Lehrkräfte angeben, dass die Sprachkompetenz stark nachgelassen hat, sind es bei den Lehrenden an Grundschulen sogar 28 Prozent. Bei den Rechenkompetenzen beobachten insgesamt 16 Prozent eine starke Verschlechterung, an nicht gymnasialen Schulen sind es 24 Prozent.

Auch bei überfachlichen Fähigkeiten nehmen Lehrkräfte an Grundschulen die Verschlechterung besonders deutlich wahr. Während bei den sozial-emotionalen Kompetenzen 62 Prozent der Lehrkräfte einen deutlichen Rückgang sehen, sind es an Grundschulen sogar 75 Prozent. Und drei von vier Lehrkräften (79 Prozent) in der Primarstufe stellen ein Nachlassen der physischen und damit auch feinmotorischen Fähigkeiten fest. Zum Beispiel sind immer mehr Kinder bei Schuleintritt nicht mehr in der Lage, einen Stift richtig zu halten.

Lediglich bei der Medienkompetenz sehen mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Lehrkräfte eine deutliche Steigerung. Das ist wohl vor allem der Corona-Pandemie und der Nutzung von digitalen Tools für den Distanzunterricht geschuldet. Eher nicht gemeint ist hier wohl ein Zuwachs an Nachrichten- und Informationskompetenz.

Faktoren Rückgang

Medienkonsum wirkt sich vor allem auf Konzentrationsfähigkeit aus

Die Hauptursache für die großen Kompetenzverluste sehen Lehrkräfte im gestiegenen Medienkonsum, besonders weil er immer früher beginnt. Fast alle Lehrenden nehmen das wahr, die meisten sogar einen starken Anstieg. Folgen seien: verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, Verlust von Konzentrationsfähigkeit und Zunahme psychischer Belastungen. Das sind Beobachtungen, die zuletzt auch andere Umfragen herausgearbeitet haben. So ist das Verhalten der Lernenden laut Deutschem Schulbarometer die größte Herausforderung für Lehrkräfte.

Und noch eine Ursache sehen 73 Prozent der Befragten: Die Startvoraussetzungen bei Schuleintritt werden immer schlechter. Zudem gehe die Schere zwischen den Kindern immer weiter auseinander. Das belegen ebenfalls Studien, wie zuletzt die des Bildungssoziologen Marcel Helbig. Als Grund führen die Befragten an: Personalmangel an den Kitas und damit verbunden weniger Fördermöglichkeiten. Angesichts wachsender Heterogenität und Sprachbarrieren sei eine frühe Förderung aber notwendig.

Es fehlt der Raum zum Üben und Wiederholen

Gleichzeitig geht die Unterstützung durch die Erziehungsberechtigten weiter zurück. Dies beobachten zumindest 68 Prozent der befragten Lehrkräfte. Eltern kümmerten sich weniger um schulische Belange, würden weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen und ihnen auch weniger Strukturen und Regeln vorgeben.

Für Lehrkräfte bedeutet diese Gemengelage eine große Herausforderung. 90 Prozent der Befragten sehen bei ihren Schülerinnen und Schülern einen höheren individuellen Förderbedarf. Auch hier ist der Wert bei Lehrenden an Grundschulen am größten. Aus Sicht von 82 Prozent der Befragten passen vor diesem Hintergrund Schulrealität und Lehrplananforderungen immer weniger zusammen. Lehrpläne seien zu überfrachtet.

86 Prozent sagen, dass sie Lehrplan-Inhalte im Unterricht zurückstellen müssen, um Basiskompetenzen fördern zu können. Aber selbst dann werden sie der Superdiversität in den Klassen kaum gerecht. Drei Viertel der Befragten leiden unter wachsendem Zeitmangel. Nur 2 Prozent sagen, dass sie Basiskompetenzen ausreichend fördern können. 58 Prozent können das nicht, 38 Prozent nur teilweise. Vor allem fehle der Raum zum Üben und Wiederholen.

Lösungsansätze Förderung

Kleinere Klassen, zusätzliche Förderstunden

Die Beschreibung der Auswirkungen nachlassender Basiskompetenzen deuten zugleich auch auf die Lösungsansätze. Die Wunschliste ist hier ebenso lang wie vielfältig. An erster Stelle steht die Stärkung vorschulischer Bildung. An zweiter Stelle die Unterstützung durch Fachpersonal. Weit oben genannt werden auch die Entschlackung der Lehrpläne, mehr Raum für individuelle Lernbegleitung, zum Beispiel durch zusätzliche Förderstunden, oder mehr Kleingruppenarbeit, verbindliches Screening und Diagnostik. Schon heute nutzt die Mehrheit der Lehrkräfte regelmäßig diagnostische Angebote oder Lernstandsanalysen. Allerdings in der Grundschule mit 84 Prozent fast doppelt so häufig wie in der Sekundarstufe I (44 Prozent).

Speziell an die Politik gerichtet, wünschen sich Lehrerinnen und Lehrer vor allem eine Reduzierung der Klassengröße, bessere – auch finanzielle – Rahmenbedingungen, um mehr Förderangebote umzusetzen, und Bürokratieabbau. Für eine Stärkung der Elternarbeit halten sie mehr Beratungsangebote und Anleitungen zur Lernunterstützung für besonders wichtig.

Aber selbst, wenn diese Maßnahmen greifen: Nur wenige Lehrkräfte glauben, dass sich dadurch schnell etwas ändert. Auf die Frage, wie optimistisch sie sind, dass die genannten Lösungsansätze innerhalb der nächsten fünf Jahre zur Verbesserung der Basiskompetenzen beitragen, antwortet nur ein knappes Drittel (31 Prozent) optimistisch. Ähnlich sieht es bei den eigenen Einflussmöglichkeiten aus, Basiskompetenzen mittelfristig zu fördern. Auch da sind nur 33 Prozent der Lehrkräfte überzeugt, dass sie selbst zeitnah den Turnaround herbeiführen können.

Text: Annette Kuhn

Aus: Basiskompetenzen im Wandel, Einblicke und Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis, Klett Bildungsdossier 6/2026