Wie können Kinder eine bessere Lernausgangslage erhalten, wenn sie von der Kita in die Grundschule kommen? Die Grundschule Westersburg in Solingen hat darauf einige Antworten. Eng damit verbunden: die Förderung von grundlegenden Basiskompetenzen – zum Beispiel in Klasse 0.

Wer mit Grundschulleiterin Anna Fröhlich über Basiskompetenzen spricht, kommt natürlich irgendwann zum Lesen, Rechnen und Schreiben. Aber Fröhlich macht deutlich, dass es ein sehr entscheidendes „Davor“ gibt.

„Es wird oft übersehen, dass diese grundlegenden Fähigkeiten weitere wichtige Voraussetzungen haben.“ Kinder bräuchten zunächst eine stabile Basis, die über kognitive Kompetenzen hinausgeht. Und eine Umgebung mit verlässlichen Beziehungen, die ihnen ermöglicht, zur Ruhe zu kommen und sich selbst zu regulieren. Die Grundschule Westersburg setzt genau hier gezielt an.

Die Solinger Schule ist eine Startchancen-Schule. In den Sozialindex-Stufen in Nordrhein-Westfalen, nach denen die Schulen von 1 bis 9 (geringste bis größte soziale Herausforderungen) eingeordnet sind, liegt sie auf Stufe 6. „Wir haben eine sehr heterogene Schülerschaft“, sagt Fröhlich mit Blick auf die mehr als 300 Kinder.

Sie beobachtet schon lange einen Rückgang der Basiskompetenzen. „Es ist ein schleichender Prozess. Das finde ich am schlimmsten: Es liegt seit vielen Jahren auf der Hand, dass etwas im Argen ist.“

Sozial-emotionale Kompetenzen stehen im Vordergrund

Die Schule hat sich daher entschieden, speziell in der ersten Klasse die Lernausgangslagen neu ankommender Kinder in den Blick zu nehmen. Im Vordergrund stehen sozial-emotionale und motorische Kompetenzen. Die aktuelle Klett-Umfrage zu Basiskompetenzen zeigt, dass gerade Grundschullehrkräfte diesen Bereichen viel Bedeutung beimessen. Sozial-emotionale Kompetenzen sehen sie nahezu gleichrangig mit Lesen, Schreiben und Rechnen.

„Die Kinder müssen fähig sein, mit anderen in Kontakt zu treten“, sagt Fröhlich. „Wenn wir keine Beziehungen aufbauen können, brauchen wir mit der Fachlichkeit nicht zu beginnen.“ Zudem hebt die Schulleiterin die Förderung von Fein- und Grobmotorik hervor. Die sozialpädagogischen Fachkräfte fördern gerade bei Kindern, die in die ersten Klassen kommen, die Motorik, Sensorik und Beweglichkeit. Mit den verschiedenen Angeboten stärken sie auch Beziehungen.

Konkret geschieht das in einer „, das die Schule in diesem Jahr eingeführt hat. Dahinter steht die bundesweite Initiative von „Wir für Schule“ und Rossmann, bei der sich die Grundschule Westersburg erfolgreich beworben hat. Zweimal in der Woche kommen die Schulneulinge im Frühjahr regelmäßig in einer festen Gruppe zusammen. Auf dem Programm stehen etwa Malen, Bewegungsspiele, das Erkunden der Schule oder gemeinsames Essen. So wird die Grundschule – auch in den Abläufen – zum vertrauten Ort.

Die Auswahl der Familien und der Kinder, die in die Klasse 0 gehen, trifft die Schule und lädt gezielt ein. Bei der Schulanmeldung absolvieren die Kinder 20 Minuten Übungen und Stationen, die genau dokumentiert werden. Dazu kommen Daten aus der Schuleingangsuntersuchung beim Gesundheitsamt. „Wenn wir dann merken, dass wir Kinder gern noch mal sehen möchten, laden wir sie zum Schulspiel ein“, erläutert Fröhlich. Auch einen Austausch mit den Kitas gibt es.

Bei der Auswahl zählt nicht allein, ob ein Kind etwa sprachlich auffällig war. Es geht auch darum, ob es übermäßig schüchtern war oder sich schwer tat, überhaupt Kontakt aufzunehmen. Acht von zehn angesprochenen Familien nehmen bis zu den Sommerferien an der Klasse 0 teil – für die Grundschule eine Erfolgsgeschichte.

Kritik an ABC-Klassen

Dass immer auch Sprache eine Schlüsselrolle spielt, um gut in der Schule anzukommen, betont Fröhlich ebenfalls. Deshalb findet sie die Idee der ABC-Klassen, die es in Nordrhein-Westfalen ab dem Schuljahr 2028/2029 geben soll, im Grundsatz richtig. ABC-Klassen sind verpflichtende Kurse im Schuljahr vor der Einschulung für Kinder, bei denen ein Sprachförderbedarf festgestellt wurde.

An der geplanten Ausgestaltung übt Fröhlich aber Kritik. Die Kurse sollen in Schulen, nicht in Kitas stattfinden. Die Schulleiterin kann das schwer nachvollziehen. Zum einen, weil die Kompetenzen der Kita-Fachkräfte übergangen würden. Zum anderen, weil die Kinder in ABC-Klassen aus vertrauten Umgebungen herausgenommen würden und noch dazu an langen Tagen nachmittags neue Inhalte lernen müssten.

Fröhlich wünscht sich, dass es hier noch Änderungen am Umsetzungsplan gibt und Kitas und Schulen gemeinsam etwas auf die Beine stellen können. In der Stärkung vorschulischer Bildung sehen auch Grundschullehrkräfte laut Klett-Umfrage den stärksten Hebel, um Basiskompetenzen zu fördern. Eine Aufgabe, die sich wohl am besten bewältigen lässt, wenn Schule und Kita weniger als „Entweder oder“ verstanden werden.

Text: Holger Schleper

Aus: Basiskompetenzen im Wandel, Einblicke und Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis, Klett Bildungsdossier 6/2026