Auch wenn die Lehrkräfte-Umfrage des Ernst Klett Verlags zu den Basiskompetenzen ernüchtern: Kai Maaz, Geschäftsführender Direktor des DIPF und Leiter des Forschungsverbunds zum Startchancen-Verbund, erkennt auch Hinweise auf eine Trendwende.
Lehrkräfte sind laut der Umfrage nicht sehr optimistisch, dass sich die Basiskompetenzen bald verbessern. Ist das Ziel des Startchancen-Programms zu ambitioniert, die Zahl derer zu halbieren, die die Mindeststandards verfehlen?
Kai Maaz: Als politische Zielsetzung halte ich es für richtig, eine Vision zu formulieren. Hätte die Politik ein Viertel als Ziel genannt, wäre das vielen nicht ambitioniert genug gewesen. Und es gibt sehr unterschiedliche Ausgangslagen. Manche Länder und Schulen werden es schaffen, andere nicht. Ob das Ziel vollständig erreicht wird, ist weniger entscheidend als die Richtung und die nachhaltigen Verbesserungen im System. Wichtiger ist, dass wir uns nicht nur auf fachliche Kompetenzen konzentrieren, sondern das Kind in seiner Persönlichkeit in den Blick nehmen, den gesamten schulischen Bereich berücksichtigen und darüber hinaus auch den Sozialraum einbeziehen. Schule kann das nicht allein lösen.
Auch die befragten Lehrkräfte zählen überfachliche Fähigkeiten zu den Basiskompetenzen. Aber wie lassen sich sozial-emotionale Kompetenzen messen?
Allein, dass man diese Themenbereiche auf der gleichen Höhe diskutiert wie Mathematik und Deutsch, ist ein großer Erfolg. Denn beides gehört zusammen. Für sozial-emotionale Kompetenzen gibt es durchaus Ansätze zur Messung, sie sind aber deutlich weniger präzise und standardisiert als bei kognitiven Kompetenzen. Entscheidend ist aber weniger die exakte Messung als ein gutes Feedback-System, das den Lernenden Orientierung gibt. Und wir sollten häufiger Kinder selbst befragen, wann sie Unterricht als alltagsnah erleben. Das fördert auch die Lernbereitschaft.
Wie steht es um Ihren Optimismus, dass die Trendwende gelingt?
Die aktuellen Ergebnisse markieren einen Tiefpunkt und genau darin liegt auch eine Chance für Veränderung. Die Lage ist ernst wie lange nicht, und das kann Reformen beschleunigen. Insofern kann man durchaus vorsichtig optimistisch auf die Entwicklung schauen.
Was braucht es für eine Wende? In der Befragung nennen die Lehrkräfte als erstes die Stärkung vorschulischer Bildung und kleinere Lerngruppen.
Wir müssen darauf schauen, mit welchen Voraussetzungen Kinder zur Schule kommen, da stimme ich den Lehrkräften ausdrücklich zu. Deshalb ist es wichtig, die Kita konsequent als Bildungsort zu stärken. Aber das braucht Zeit. Gleichzeitig müssen wir mit den Kindern arbeiten, die jetzt im System sind. Dafür kommt es vor allem darauf an, den Unterricht weiter zu professionalisieren und die Zusammenarbeit im Kollegium zu stärken, das spart dann auch Ressourcen. Unterrichtsentwicklung gelingt nicht im Alleingang. Kleinere Lerngruppen halte ich hingegen unter den aktuellen Bedingungen für unrealistisch, dafür fehlt das Personal.
Das Gespräch führte: Annette Kuhn
Aus: Basiskompetenzen im Wandel, Einblicke und Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis, Klett Bildungsdossier 6/2026

Prof. Kai Maaz
ist Geschäftsführender Direktor des DIPF I Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Er koordiniert den Chancen-Verbund, der die wissenschaftliche Begleitung und Forschung für das Startchancen-Programm leistet. Der interdisziplinäre Forschungsverbund besteht aus 20 Instituten und Hochschulen.
