Wie kann der Deutschunterricht die Sprach- und Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I gezielt stärken? Susanne Altmann-Liebold beschäftigt diese Frage gleich in doppelter Hinsicht: Sie unterrichtet Deutsch an einer Schule und arbeitet als Redakteurin an neuen Bildungsmaterialien für den Deutschunterricht. Im Interview spricht sie über aktuelle Herausforderungen im Klassenzimmer, neue didaktische Ansätze und darüber, wie ihre Unterrichtserfahrungen in die Lehrwerksentwicklung einfließen.

Frau Altmann-Liebold, Sie konzipieren Schulbücher für den Deutschunterricht und unterrichten gleichzeitig an einem Gymnasium. Wann haben Sie das letzte Mal im Unterricht gedacht, das wäre eine gute Idee für ein Schulbuch?

Eigentlich denke ich das fast jede Woche. Das sind oftmals viele kleine Puzzlestücke, etwa zu Themen oder Texten, die man mal ausprobiert und die bei den Schülern gut ankommen. Oder zu einzelnen Wörtern, wo mir klar wird, dass sie nicht mehr ohne weiteres verstanden werden. Aber das sind Momentaufnahmen aus einer Klasse. Für Bildungsmedien zählt vielmehr das breite Erfahrungswissen aus dem Unterrichtsalltag. Dazu tragen vor allem unsere Autorinnen und Autoren aus den verschiedenen Regionen und Schulstandorten bei. Ihr Praxisblick ist für uns extrem wichtig, damit wir Produkte machen, die nah am Unterricht sind.

Empfinden Sie Ihre Doppelperspektive aus Verlagssicht und Schulpraxis als Vorteil?

Ja schon. Meine Schule unterrichtet glücklicherweise mit demselben Lehrwerk, für das ich im Verlag zuständig bin. Ich kenne die Materialien also in und auswendig und kann meine Unterrichtsstunden schneller vorbereiten und mich stärker auf Methoden konzentrieren. Kapitel für ein neues Schulbuch kann ich so auch manchmal ausprobieren.

PISA, Vera, IGLU – wenn man von den Abwärtstrends in Leistungsvergleichen und -studien liest, was geht einem als Lehrerin dann durch den Kopf?  

Da muss man auf jeden Fall differenzieren. Dass Schülerinnen und Schüler immer schlechter werden, ist mir zu pauschal. Sie verändern sich, manches können sie heute besser, z.B. präsentieren. Als Lehrkraft hat man immer mal stärkere und mal schwächere Klassen. Das wechselt von Jahr zu Jahr. Innerhalb der Klassen sind wir immer mit Leistungsunterschieden konfrontiert, auch das ist der Alltag. Aber was ich aus meiner Lehrtätigkeit bestätigen kann, ist die Abnahme der Konzentrationsfähigkeit …

… wofür die Lernenden eigentlich nichts können, Stichwort Medienkonsum.

Richtig, aber damit müssen wir umgehen. Im Unterricht schaue ich z.B. keine 90 Minuten-Literaturverfilmungen am Stück mehr an. Das halten viele Schülerinnen und Schüler nicht durch, weil sie einfach ganz andere Sehgewohnheiten haben. Wenn wir Literaturverfilmungen wie „Kabale und Liebe“ anschauen, dann sehen wir uns Ausschnitte zu wichtigen Szenen in verschiedenen Unterrichtsstunden an.

Die Lese- und Sprachkompetenzen gehen auch am Gymnasium zurück, das wird aber nicht durchgängig so gesehen. Warum?

Am Gymnasium war es bislang üblich, dass der Unterricht auf einem höheren Niveau stattfinden muss, um das Abitur zu erreichen. Tatsächlich tun sich aber Gymnasiasten zunehmend schwerer, komplexe Texte zu lesen und zu verstehen. Auch die sprachlichen Kompetenzen wie z.B. Satzbau, Grammatik und Ausdrucksfähigkeit lassen erheblich nach. Der Rückgang betrifft letztlich alle Schulformen und zieht ähnliche Konsequenzen für den Unterricht nach sich.

Was bedeutet das dann für den Deutschunterricht, muss das Niveau immer weiter abgesenkt werden?

Es gibt Untersuchungen, dass Schüler heute nicht mehr so viele Wörter in einer Minute lesen können, wie noch vor fünf oder zehn Jahren. Aber eine Niveauabsenkung kann nicht die Lösung sein.

Wir müssen Schülerinnen und Schüler in den Übergangsklassen optionale Lesetrainings und Hilfen anbieten, damit sich die Leseflüssigkeit und die Lesefertigkeiten weiter verbessern. Sie sollen später im Abitur und danach ja auch schwierige und komplexe Texte bewältigen können. Das müssen wir mit dem Übertritt von den Grundschulen mehr als bisher aufbauen und einüben.

Zum Vergleich: In Estland, das in der aktuellen PISA-Studie in Europa am besten abschneidet, bekommen alle Schülerinnen und Schüler den schwierigen Text oder die schwierige Aufgabe. Wer damit nicht zurechtkommt, erhält Hilfen bzw. gezielte Förderung.

Also weiterhin anspruchsvolle Texte aber mit mehr Hilfen für die Leistungsschwächeren?

Richtig. Deshalb haben wir in der neuen Generation Deutsch kompetent mehr verschiedene Hilfen für das Textverstehen entwickelt als bisher. Es gibt z.B. eigene Wiederholen-Seiten. Dort finden sich spezielle Lesetrainings mit Methoden wie dem Lesetandem oder dem chorischen Lesen und Lesetexte für schwächere Lernende in farbiger Silbenschrift, wie man das aus der Grundschule kennt.

Aus meiner Unterrichtserfahrung weiß ich, dass Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen Quizze, Rätsel und Spiele mögen. Zum Textverstehen finden sich solche nun in den Begleitmedien. Ebenso gibt es viele Texte nun auch als Hörtext, sodass die Lesemethode „Mit einem Hörtext mitlesen“ für eine bessere Leseflüssigkeit verwendet werden kann. Für die Lehrkräfte bieten wir zu den anspruchsvolleren Texten aus dem Schulbuch Kopiervorlagen mit Hilfen an, die der neuesten Lesedidaktik folgen, z.B. Vorentlastungen durch Zwischenüberschriften, grafische Übersichten, ein abschnittweises Lesen unterbrochen durch Fragen oder Hilfen, Markierungen in Texten. Sie sind ein gutes Zusatzangebot für Leistungsschwächere und führen trotzdem zum gleichen Ziel – nämlich dass alle am Ende den anspruchsvollen Text verstanden haben.

Im Gegensatz dazu gehen andere Lehrwerke eher den Weg, immer einfachere und kürzere Texte zu verwenden.

Untersuchungen zeigen, dass der aktive Wortschatz der Schülerinnen und Schüler abgenommen hat. Wie kann man das auffangen?

Das nehme ich auch so wahr, viele Wörter verstehen die Lernenden nicht mehr unbedingt, etwa gescheit oder kühn. Darauf reagieren wir im neuen Lehrwerk mit sogenannten Wortschatzboxen. In diesen führen wir Wörter aus den Texten auf, die in den aktiven Wortschatz der Schülerinnen und Schüler gehen sollten. Verbunden damit gibt es immer Wahlaufgaben, um den Gebrauch dieser Wörter einzuüben. Ich kenne auch Schulen, die arbeiten im Deutsch-Unterricht mit Vokabelheften oder beleuchten das „Wort der Woche“.  Am Gymnasium waren solche Ansätze bislang eher nicht üblich.

Deutsch kompetent Kl. 5, 2027

Beispiel zur Förderung der Wortschatzentwicklung, der Schreibkompetenzen und der Rechtschreibung und Grammatik.

Auf welche Art Texte bereitet man Schülerinnen und Schüler heute vor?

In den unteren Klassen der Sekundarstufe I auf Texte der heutigen Zeit, um eine Lesemotivation zu erreichen, z.B. erzählende Texte wie der „Drachenreiter“ von Cornelia Funke. Alte, schwere Texte wie z.B. „Kabale und Liebe“ oder „Die Räuber“, die man in Klasse 10 im Gymnasium in Sachsen lesen muss, sind für die Lernenden eine große Herausforderung. Man gibt ihnen Methoden an die Hand, wie sie sich diese erschließen können.

Solche schwierigen Ganzschriften lasse ich heute aber gar nicht mehr vor der Behandlung im Unterricht komplett zu Hause lesen, die Schülerinnen und Schüler sind sonst frustriert, wenn sie den Text nur teilweise verstehen. Am besten funktioniert: gut im Unterricht einführen und dann Schritt-für-Schritt im Unterricht und zu Hause lesen. Manchmal ist es auch sinnvoll, nur repräsentative Ausschnitte und Szenen zu lesen, dafür aber gründlich.

Wichtig ist, dass man am Gymnasium die Schülerinnen und Schüler auf das Lesen der Texte in der Oberstufe vorbereitet und ihnen dafür Handwerkszeug mitgibt.

Wie geht man mit den leistungsstarken Schülern um?

Bei aller Förderung vergessen wir die selbstverständlich nicht. Wir adressieren im neuen Deutsch kompetent mit extra ausgewiesenen Weiterdenken-Aufgaben die sehr intelligenten Schülerinnen und Schüler. Die sind so gemacht, dass die Ergebnisse wieder in den Unterricht einfließen können. Das wird von den Lehrkräften dankend angenommen, denn nicht selten stören solche Schülerinnen und Schüler den Unterricht, aus Langeweile und Unterforderung.

Davon zu unterscheiden sind die Lernenden, die schnell mit einer Aufgabe fertig sind. Da muss man sehr differenzieren, denn das sind nicht unbedingt die leistungsstarken. Auch die muss man im Unterricht beschäftigen. Dafür bieten wir entsprechend viel Übungsmaterial auf den Trainieren-Seiten oder im Arbeitsheft an.

Für uns in der Redaktion ist wichtig, für alle Unterrichtssituationen, die man als Lehrkraft nach meiner Erfahrung in fast jeder Stunde erlebt, Angebote zu machen. Ich empfinde das manchmal selbst als großen Spagat und bin froh, wenn ich in einer Unterrichtsstunde für alle etwas „in petto“ habe.

Wie sieht denn die Leseförderung in Ihrem Unterricht aus?

In meinem Unterricht lesen wir jedes Jahr zwei Bücher, die die Kinder und Jugendlichen selbst aus verschiedenen Vorschlägen von mir auswählen dürfen. Letztes Schuljahr hat meine 7. Klasse u.a. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ gelesen. Sie waren so begeistert, dass sie der Regisseurin des Films, den wir begleitend geschaut hatten, geschrieben haben. Ihre Antwort bleibt in guter Erinnerung und motiviert. In meiner derzeitigen 8. Klasse lesen etliche Schülerinnen und Schüler freiwillig viel.

Das unterscheidet Sie von anderen Schulen.

Vielleicht etwas. Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich sehe, dass eine Schülerin oder ein Schüler in der Pause in einem Jugendbuch liest. An meiner Schule gibt es tatsächlich auch eine Stunde mehr Deutschunterricht pro Woche als an staatlichen Schulen. In dieser Extrastunde kann ich entscheiden, welche Schülerinnen oder Schüler jeweils daran teilnehmen. Manchmal nutzen wir die Stunde zum Üben vor einer Klassenarbeit oder ich arbeite mit einzelnen zusammen an ihren Texten. Das kommt der individuellen 1:1 Förderung recht nah.

Lesetraining Deutsch kompetent

Gezielte Hilfen und didaktische Konzepte unterstützen dabei, lange und anspruchsvolle Texte zu verstehen.

Sie haben in der Redaktion alle bundesweiten Lehrpläne im Blick. Wie greifen diese denn den Rückgang der Lesekompetenzen auf?

Lehrpläne sind in der Regel sehr behäbig. Dass die Lesekompetenzen abnehmen, spiegelt sich noch nicht in sehr vielen Lehrplänen der Gymnasien wider.

Das heißt, es liegt im Ermessen der Bildungsverlage?

Wir schaffen zumindest passende Unterrichtsangebote. Ein Beispiel, das mir dazu einfällt: Vor etwa 15 Jahren war das Thema Differenzierung am Gymnasium noch völlig unüblich. Als wir damals in Deutsch kompetent damit anfingen, waren wir noch recht zurückhaltend und nicht sicher, wie das bei den Lehrkräften am Gymnasium ankommt. Heute kommt kein Lehrwerk mehr ohne Differenzierungsangebote aus, das wird sogar regelrecht eingefordert. So ähnlich wird es sich vielleicht auch mit der Leseförderung am Gymnasium entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Porträt Susanne Altmann-Liebold, privat.

Susanne Altmann-Liebold arbeitet seit 1999 als Redakteurin für das Fach Deutsch am Gymnasium beim Ernst Klett Verlag. Zweimal wöchentlich unterrichtet sie Deutsch an einem privaten Gymnasium in Leipzig. Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen finden bei ihr am Wochenende statt. Sie sagt: „Mein Hobby ist Schule, meine Hauptarbeit ist bei Klett.“

Medien-Tipp
Die neue Generation des Lehrwerks Deutsch kompetent (erscheint ab Februar 2027) fokussiert sich u.a. auf eine systematische und integrative Sprach- und Leseförderung. Lebensnahe, abwechslungsreiche Inhalte, Hilfsangebote und Lerninseln zum Selbstlernen unterstützen Schülerinnen und Schüler dabei, die Basiskompetenzen zu stärken. Lehrkräfte können für die Unterrichtsvorbereitung und -durchführung auf ein passendes Paket aus angeleiteten KI-Impulsen, eine fundierte Eingangsdiagnostik für Klasse 5 sowie zusätzliche digitale Medien zugreifen.