Ausgelöst durch die Coronakrise herrscht Papiermangel in der deutschen Verlagsbranche. Für den Bildungsmarkt, dessen Leitmedium immer noch das gedruckte Schulbuch ist, könnte das bald zum Problem werden. Über die Suche nach sinnvollen Alternativen und nachhaltiges Verlegen, dazu ein Gespräch mit Alexander Wolff, Bereichsleiter Einkauf beim Ernst Klett Verlag.

Herr Wolff, das neue Schuljahr 2021/22 hat gerade begonnen. Mussten Schüler:innen bereits auf Schulbücher verzichten, weil es für gedruckte Lehrwerke nicht mehr genügend Papier gibt?

Nein, bislang gab es bei uns noch keinen dramatischen Engpass. Bis auf zwei Titel, die erst zwei Wochen verspätet ausgeliefert werden konnten, lagen alle Schulbücher pünktlich zum neuen Schuljahr vor.

Dann gibt es die Papierkrise bei Ihnen nicht?

Na ja, noch verfügen wir über genügend Papierreserven, zudem ist der Herbst und der Winter nicht die Hauptsaison für unsere Produktion. Aber für manche Papiere, die wir bald bestellen müssen, werden wir statt der üblichen vier Wochen Lieferzeit wohl bis zu drei Monate warten müssen. Dann wird es schon eng und könnte Auswirkungen auf das kommende Schuljahr haben.

In Form von Preissteigerungen oder Mengenbeschränkungen?

Die Preise für Papier explodieren momentan, deswegen weiß auch heute noch niemand, wie die Preise im Frühjahr aussehen werden. Wenn wir jetzt Papier bestellen, dann ohne Preisgarantie. Eine suboptimale Situation. Wir sind aber ein Verlag und das Leitmedium in den Schulen ist immer noch das gedruckte Schulbuch. Ich sag mal so, nicht liefern können wäre viel dramatischer als mehr Geld für Rohstoffe zahlen zu müssen.

Aber bei den Mengen an Schulbüchern, die Sie jährlich für alle Bundesländer, Schulformen und Fächer produzieren, haben Sie keinen Einfluss auf die europäischen Papierlieferanten?

Auch wenn unser Papierbedarf bei jährlich rund zehntausend Tonnen Papier liegt, für die Papierindustrie macht das gerade mal 1% der Jahreskapazität einer Papiermaschine aus. Da sind wir nur ein kleiner Kunde. Nein, die Kapazitäten reichen nicht aus. Es gibt zu wenig Rohstoffe, eine massive Nachfrage nach Papier und Holz aus dem außereuropäischen Ausland, viele Papierfabriken haben während Corona auf Karton umgestellt, die Verpackungsindustrie setzt stärker auf Papier statt Plastik, das sind nur einige Gründe für das Dilemma.

Und welche Alternativen bieten sich Ihnen nun, die Verwendung von holzfreiem Papier?

Uns bleibt noch die Möglichkeit, auf andere Papierqualitäten für die Schulbücher auszuweichen, aber das ist mitunter schwierig, denn die Qualitätsanforderungen z.B. bezogen auf die Langlebigkeit oder das Gewicht sind hoch. Wenn wir holzfreies Recyclingpapier in unseren Lehrwerken verwenden, erhöht sich das Papiergewicht. Da dieses Papier transparenter ist müssten wir 15% mehr Papier einsetzen. Die Bücher würden dadurch dicker und schwerer, was aus gesundheitlichen Gründen, schwere Taschen und Schulranzen, nicht gewollt ist. Bei Arbeitsheften setzen wir bereits holzfreies Material ein, da wir hier Papier benötigen, das Filzstift- und Füllertauglich ist. Da muss man abwägen.

Keine Option ist es für uns, auf andere Papierquellen auszuweichen. Wir beschaffen unser Papier ausschließlich aus Europa. Aus Fabriken, die ihr Holz aus nachhaltigen Quellen der Region beziehen. Alles andere akzeptieren wir nicht.

Wäre unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht das digitale Schulbuch ein passendes Substitut?

Theoretisch schon, das setzt aber voraus, dass die Schulen hierfür flächendeckend umgerüstet sein müssen, was nicht der Fall ist.
Andererseits, wenn wir über Nachhaltigkeit und Klimaneutralität sprechen, bedeuten mehr digitale Produkte strenggenommen auch einen höhere Stromnachfrage. Wir bei Klett setzen 100 % ökologisch zertifizierten Strom ein. Bei den Kunden muss man vom Deutschen Strommix ausgehen und der ist nach wie vor zu einem hohen Anteil kohlebasiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie nachhaltig kann ein Verlag wie Klett überhaupt sein?

Da wo wir Einfluss haben, können wir Anreize bieten. Potentiale nutzen wir seit Jahren viele, wie etwa unsere Job-Tickets für den ÖPNV, die eBike-Bezuschussung, der Einsatz nachhaltiger Lebensmittel in unserer Kantine oder das Thema Müllvermeidung. Aber das macht unter dem Strich nur einen kleinen Teil aus.

Viel größere Anstrengungen erfordern etwa die CO2-Einsparungen durch die Papierproduktion, die Verwendung von Druckfarben, Leim oder Kunststoffen für Schutzfolien. Das wirkt sich alles negativ auf unsere Umweltbilanz aus. Wir sind ein Verlag und solange es eine Nachfrage nach gedruckten Büchern gibt, bekommt man eine klimaneutrale Produktion nur durch Kompensation mittels Zertifikate oder eines eigenen, angepflanzten Waldes hin. Dieser Verantwortung sind wir uns sehr bewusst und stellen uns ihr.

Vielen Dank für das Gespräch.